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#selbstgespräche#selbsterforschung#glücksgedanken

Murgelgurgel

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Murgelgurgel | story.one

Ich hab neulich gelesen, es ist gesund, wenn einem mal “fad” ist. Wenn man Langeweile verspürt. Wenn man einfach mal auf der Couch sitzt und “nichts” tut. Nichts denken. Nichts reden. Nichts spüren. Geht das überhaupt? Ich hab's versucht…

Ui, ui, ui! Hallo, Klapsmühle!

Da ziehen alle möglichen Gedanken durch meinen Kopf. Gedanken, die ich nicht mal ansatzweise zu denken in Erwägung gezogen hätte. Vorher. Also, bevor ich mich hingesetzt habe, um “nichts” zu tun.

“Welche Unterhose hast du heute an?” - “Ist bei allen Leuten die Stimme im Kopf die eigene? Ist es bei manchen ein Mann oder eine Frau, oder beides? Klingt die für jeden anders? Wie ist das bei Schizophrenen?” - “Wenn ich nicht Ich wäre, wer wäre ich dann?” - “Hör auf, zu denken. Du sollst nicht denken.” - “Man kann doch überhaupt nicht an nichts denken.” - “Pfoten. Katzen. Kleine, niedliche Babykatzen.” - “Hast du heute überhaupt eine Unterhose an?” - “Du musst nachher noch diese Email fertig schreiben.” - “Denk nicht an einen rosa Elefanten.” - “Hihi, da ist er schon.” - “Wie machen buddhistische Mönche das?” - “Klappt ja richtig gut, das mit dem An-Nichts-Denken.” - “Einatmen. Ausatmen. Einatmen. Ausatmen. Geht doch! Moment… darf ich überhaupt ans Ein- und Ausatmen denken?” - “Neuer Versuch. Lass die Gedanken einfach an dir vorbeiziehen. Wie Wolken.” - “Wolken. Federwolken. Schichtwolken. Gewitterwolken. Schäfchenwolken. Schäfchen. Ich liebe Schafe!” - “Konzentrier dich.” - “Schaf, Schaf, Schaf. Schaf, Schäfchen, Schäfchensensens. Kann die eigene innere Stimme eigentlich auch singen?” - “Whoa, let the sun go down on me. Oh, let the sun go down.” - “Ah ja, funktioniert. Einatmen. Ausatmen. Einatmen…” - “Dum di dum. Bum bi bum. Sum si sum.” - “Murgelgurgel.” - “Hä?” - “Murgelgurgel. Ist mir grad so eingefallen.”

Meine Augen öffnen sich von selbst. Was zum Kuckuck mach ich da eigentlich? “Murgelgurgel”, was soll das überhaupt sein? Ein Mantra? Wenn, dann such' dir wenigstens ein ordentliches Mantra, denk ich. Sowas wie: “Ich bin von Liebe erfüllt und mit meiner Welt im Reinen.” Oder: “Ich bin ruhig wie das Wasser, sprudelnd wie die Quelle, schäumend wie die Wellen, tief wie der Ozean.” Oder: “Wiege dich im Wind wie der Baum, aber beuge dich ihm nicht.” Aber nein, ich fabriziere ein Wort wie “Murgelgurgel”…

Ich schließe nochmal die Augen, spreche Silbe für Silbe aus. Zuerst in Gedanken. Dann laut. M, U, R, G, E, L. G, U, R, G, E, L. Murgelgurgel. Murgelgurgel. Muuurrrrgeeelllguuuurrgeellll. Es ist so meditativ, dass ich gar nicht merke, wie zehn Minuten verstreichen. Ich versinke in meinem eigenen Singsang, meinem fiktional-verrückten Wort, meinem nicht-ganz-so-tiefsinnigen Mantra, und plötzlich sind sie weg, die Emails, die Mönche, die rosa Elefanten und die Schäfchen. Plötzlich bin da nur ich.

Und Murgelgurgel.

© Sandra E. Mae 2021-10-14

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