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Fluch der Zinnen

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Fluch der Zinnen | story.one

Man muss kein begnadeter Koch sein, um ein Spiegelei richtig zuzubereiten. Und dennoch ist es bei diesem, das da vor mir auf dem Teller liegt, nicht so ganz gelungen. Der Dotter ist flüssig. Ein zu großer Teil des Eiweißes leider ebenso.

Ich blicke vom Teller weg und betrachte die Drei Zinnen. Seit sie sich auf den letzten Metern unserer Wanderung gezeigt haben, kann ich den Blick kaum abwenden. Sie sind wirklich ein Meisterwerk der Natur. Markantes Gestein, geschichtsträchtig angereichert, herausfordernd für ihre Bezwinger.

Da liegt auch noch Speck auf meinem Teller. Falls es mal ein guter Südtiroler Qualitätsspeck war, dann wurde der Großteil dieser Qualität unachtsam herausgebraten. Hart und dunkel. Zu hart. Zu dunkel.

Sie müssen stolz sein. Zumindest wirken sie so, in ihrer Formation. In kühner Distanz zu den anderen Dolomitengipfeln. Fast schon arrogant. So, als wüssten sie um ihre Anziehung und spielten gekonnt mit ihren natürlichen Reizen.

Es könnten mehr Röstkartoffeln sein. Wir sind ja immerhin im Pustertal, wo die Erdäpfel zur Genüge gedeihen. Sie schmecken immerhin, auch wenn sie etwas lieblos und verloren wirken, neben dem Flüssig-Ei und dem zu Tode gebratenen Speck.

Ganz und gar nicht verloren wirken hingegen die imposanten Gesteinsbrocken neben mir. Es scheint, als genießen sie die Bewunderung, die Berühmtheit, die sie erlangt haben. Und ganz bestimmt genießen sie es, dass sie der Beweis dafür sind, dass Schönheit nicht immer vergänglich ist.

Ein Plastikbecher. Ernsthaft? Da betrachte ich dieses Wunder der Natur und bekomme den Apfelsaft im Plastikbecher vorgesetzt. Neidisch blicke ich zum Weißbierglas der Tischnachbarn. Hab mich wohl falsch entschieden.

Doch dann schweift mein Blick wieder zu den Drei Zinnen, während ich an meinem ungeliebten Becher nippe. Ob es sie wohl stört, diese ganze Schnelllebigkeit um sie herum? Die Bewirtung, die auf massentauglichen Profit statt auf liebevoll-gewohnte Hüttenqualität setzt? Die zahlreichen Touristenklischees, die im Gänsemarsch ihre Umrundung antreten? Genießen sie wirklich dieses Rampenlicht, oder würden sie sich doch einen etwas schwieriger zu erreichenden Standort wünschen?

Vielleicht lieben sie die Aufmerksamkeit. Vielleicht wollen sie ihre Schönheit jedem zugänglich machen. Vielleicht sind sie auch nur Marketingexperten und lachen darüber, wie leicht wir uns das Geld aus den Taschen ziehen lassen.

Wie auch immer. Die Wanderung hierher war super. Und die Drei Zinnen sind den Besuch definitiv wert. Da scheint es wohl ein kleiner – wenn auch teurer – Preis zu sein, die Massenbewirtung über sich ergehen zu lassen. Wie gut, dass dies noch immer Ausnahme in Südtirols Bergen ist. Und wie gut, dass es ganz viele andere beeindruckende Gesteinsriesen gibt, die trotz ihrer Schönheit die Einsamkeit bevorzugen.

© Sara 2019-07-24

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