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Fußball ist immer noch wichtig II

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Fußball ist immer noch wichtig II | story.one

Sebastian Schäffer

Es ist natürlich Spekulation, ob eine jugoslawische Mannschaft bei weiteren Welt- und Europameisterschaften in der Lage gewesen wäre den Titel zu gewinnen. Letztendlich gehört dann doch noch mehr dazu, als eine größere Auswahl an Topspielern zu haben, wie ja eben das Beispiel 1992 zeigt. Die Spieler des Europapokalsiegers Roter Stern Belgrad, die fast ausschließlich aus dem ehemaligen Jugoslawien kamen, verließen zum Großteil die Mannschaft in Richtung Spanien und Italien.

Dass hochtalentierte und gut ausgebildete Menschen die Region verlassen, ist auch heute noch eine große Herausforderung, und zwar nicht nur im Fußball. Natürlich hatten auch die Anwerbeabkommen der späten 1960er Jahre und der Ausbruch der jugoslawischen Nachfolgekriege dazu beigetragen. In München gründete sich 1991 sogar ein eigener Fußballverein, der SK Srbija, der es Mitte der 2000er bis in die Landesliga, die damals fünfthöchste deutsche Spielklasse, schaffte.

Ich war mit weit weniger fußballerischem Talent gesegnet, sogar innerhalb meiner Familie. Meine Schwester spielte in einer Jugendmannschaft, die unter anderem von meinem Vater betreut wurde. Bei einem Trainingslager in Kärnten wurde ein Schiedsrichter gebraucht und irgendwie fand ich mich in dieser Rolle wieder. Dies führte letztendlich dazu, dass ich mit einer Sondergenehmigung, aufgrund meines damals noch jungen Alters, die Prüfung bei der Schiedsrichtervereinigung München ablegte.

Fünf Jahre später, im März 1999, war ich zufälligerweise als Linienrichter eines Spiels des SK Srbija eingeteilt, das am Wochenende nach dem Start der NATO-Operation Allied Force stattfand. Die Begegnung wurde auf einer Bezirkssportanlage ohne Tribüne und Sitzplätzen ausgetragen. Der Bayerische Rundfunk war mit Kameras anwesend und ich musste höllisch aufpassen beim Entlanglaufen an der Linie nicht in die immer näher an das Spielfeld rückenden Zuschauer zu rennen.

Mir war die Tragweite der politischen Ereignisse damals trotz der ungewöhnlichen Umstände nicht bewusst. Ich habe als Schiedsrichter kaum ein Spiel vor mehr Publikum und mit größerer Berichterstattung miterlebt. Die Bombardierung Belgrads und die indirekte Beteiligung der Bundeswehr schien durch die Fernsehansprache des damaligen Bundeskanzlers Gerhard Schröder, die ich ein paar Tage vor dem Spiel gesehen hatte, gerechtfertigt. Auf dem Spielfeld war ich neutral, dass sich aber gerade mein Land mit dem der Spieler des SK Srbija im Krieg befand und welche Auswirkungen dies für ihre Familien hatte, habe ich erst später verstanden.

Neutralität kann auch bedeuten, dass man den Blick für die weiteren Zusammenhänge verliert. Man muss nicht zu allem einen Standpunkt haben, aber ein wenig mehr Information über Ereignisse, die uns nicht unmittelbar betreffen, wäre wünschenswert. Denn oftmals sind sie gar nicht so weit weg, wie wir vielleicht glauben.

© Sebastian Schäffer 2021-02-18

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