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#tod#zusammenhalt#freude

Der Herr Nachbar

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Der Herr Nachbar | story.one

Über vierzig Jahre lebte der Herr Nachbar in seinem Haus neben uns. Seit dem frühen Tod seiner Frau allein. Da wir die gleichen Vornamen haben, nannten wir uns gegenseitig humorvoll „Herr Nachbar“. Natürlich sprachen wir uns per „Du“ an und pflegten ein angenehmes nachbarschaftliches Verhältnis.

In unserem ruhigen Stadtteil befinden sich Einfamilienhäuser mit großzügigen Freiflächen in herrlicher Natur. Beste Voraussetzungen für ein freundliches Winken, ein paar Worte und auch mal für einen längeren Plausch.

Der Herr Nachbar war ein geschätzter, ruhiger, stets hilfsbereiter Mensch. In seinem Beruf als Krankenpfleger engagierte er sich vorbildlich und erfreute sich größter Beliebtheit. Gegen Ende seiner Berufslaufbahn stellten sich massive körperliche Auswirkungen ein und hielten an. Rücken- und Kniebeschwerden machten ihm das weitere Leben schwer.

Während meines Berufslebens ergab sich nur manchmal ein kurzes Gespräch am Abend und am Wochenende. Erst nach meiner Pensionierung mehrten sich die Kontakte, hielten sich jedoch immer noch in Grenzen. Zu dieser Zeit war der um acht Jahre ältere Herr Nachbar bereits in seiner Mobilität eingeschränkt. Dieser Umstand konnte seinen Humor und seine friedliche, ruhige Ausstrahlung in keiner Weise beeinträchtigen.

Unsere Kontakte häuften sich. Kaum ein Tag verging, an dem wir nicht ein paar freundliche, meist humorvolle Worte „über die Gartenmauer“ austauschten. Bald verschlimmerten sich seine Beschwerden. Trotz mehreren Operationen musste er schließlich eine 24-Stunden-Betreuung in Anspruch nehmen. Vom Frühjahr bis in den Herbst hinein besuchte ich ihn meist ein Mal in der Woche. Da saßen wir auf seiner Terrasse und tranken zusammen mit der rumänischen Betreuerin eine Tasse Kaffee. Meine Absicht, die Gespräche in eine positive Richtung zu lenken, gelang meist gut. Freude und lachen waren die angenehmen Folgen. Nach und nach vertiefte sich unsere innere Verbindung. Wir sprachen auch über tiefsinnige Themen. Tod und Sterben inbegriffen. Obwohl er Lebenswillen zeigte, neigte er immer mehr dazu, von dieser Welt Abschied nehmen zu wollen.

Vor einigen Wochen rief er mir zu und lud mich auf einen Kaffee ein. Da er Besuch hatte und ich in diesem Moment keine Lust verspürte, mich dazu zusetzen, „überhörte“ ich seinen Ruf. Dabei vernahm ich den Impuls: „Das waren seine letzten Worte an mich!“ Wenige Tage danach verschlechterte sich sein Zustand. Er musste ins Krankenhaus eingeliefert werden. Meine Ahnung, dass er nicht mehr nach Hause zurückkehren wird, bestätigte sich bald. Der Herr Nachbar hatte seinen Übergang vorbereitet und in einem unbeobachteten Moment die lebensnotwendigen Beatmungsschläuche selbst entfernt.

Ich vermisse den Herrn Nachbar. Mit großer Dankbarkeit und Wertschätzung erinnere ich mich an die vielen Jahre und unsere Gespräche. Es ist keine Selbstverständlichkeit, eine solch wunderbare Nachbarschaft erleben zu dürfen.

© Seelenbaumler 2021-10-14

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