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#pilze#vergiftung

Pilzragout mortale

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Pilzragout mortale | story.one

Peter kann gut erzählen. Er streicht mit den Fingern um seinen blauschwarzen Vollbart, spricht mit sonorer Stimme. Wenn jemand ein Thema anschneidet – egal ob Fliegen, Fischen, Bergsteigen oder eine Kunstrichtung – Peter kann eine Geschichte beitragen. In der er selbst der Größte ist, oder, zumindest, einer seiner Vorfahren. Einmal ging es um die Ritterzeit. Peter, der Schmid mit Nachnamen heißt, berichtete vom Ahn, der Rüstungen hergestellt hat. Die könne man in Museen bestaunen. Als man über das Bergsteigen sprach, erzählte Peter von seinem ‚Ausflug’ nach Nepal. Menschen, die ihn gut kannten, lächelten dann – ohne Kommentar.

Eines Herbstes wurde Peter von seinem neuen Freund Albert aufs Land eingeladen. Man traf sich am Freitagabend in der Villa von Alberts Eltern, beschloss am Samstag Pilze suchen zu gehen. Peter outete sich als Experte. Es sei langweilig nur Steinpilze und Pfifferlinge, zu suchen. Es gäbe noch eine Fülle weiterer Speisepilze 200 der mehr als viertausend Großpilzarten seien genießbar. Der Geschmack von mancher Art übeträfe an Raffinesse bei weitem jenen der Herrenpilze; die schmeckten ja eigentlich viel zu intensiv … man könnte sagen ‚ordinär’ … Peter bot an, die Pilz-Suche zu kuratieren.

Im Wald dozierte er vom Hohlfuß-Röhrling und der Krausen Glucke. Die schwarze Herbsttrompete sähe nur gefährlich aus, schmecke aber hervorragend und sei völlig ungiftig. Die Truppe sammelte körbeweise Früchte des Waldes, Steinpilze waren nicht darunter.

Schon am Nachmittag wurde die Beute geputzt, ein riesiger Topf Pilzragout angesetzt. Die Villa duftete herbstlich appetitanregend. „Um sechs wird gegessen“, rief Fernanda, Alberts Gefährtin, aus der Küche. Um Halbsechs läutete das Telefon. Albert hob ab. Peter? Ist auf seinem Zimmer. Ich hole ihn.

Peter verabschiedete sich traurigen Blickes. Er wollte noch alle umarmen, aber Albert hielt ihn davon ab: „Renn, sonst verpasst du den Zug!“

Hanna sitzt beim Bett des sterbenskranken Albert. Sein Gesicht ist grünlich-aschfahl, er kann kaum sprechen. Mir hat es so gut geschmeckt, murmelt er immer wieder. Darum hab ich mir dreimal nachgenommen. Hanna weint still, streichelt die Hand ihres Bruders. Seine Leber ist stark angegriffen. Das tückische Gift führt erst Stunden nach dem ‚Genuss’ der tödlichen Pilze zu Koliken. Erst dann, wenn schon viele Leberzellen zerstört wurden. „Peter hatte so großes Glück“, sagt Albert, „dass sein Vater gestürzt ist und er zu ihm fahren musste“. Dann versagt ihm die zitternde Stimme. Vom Gerät am Kopfende kommt ein gleichförmiger Pfeifton.

Johanna murmelt, weinend, in ihr Taschentuch: „Aber Peters Vater… der ist doch schon vor Jahren gestorben!“

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Foto: Mari-Liis Link/Unsplash

© Sepp Wejwar 2021-05-04

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