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#humor#übersichlachenkönnen#elternleben

Ahoi

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Ahoi | story.one

Zeit ist für mich Schall und Rauch, wir Menschen sind ihr ausgeliefert, so wie wir uns in Erzählungen verlieren. Ich halte es wie Wilhelm Busch: “Eins zwei drei im Sauseschritt, läuft die Zeit, wir laufen mit.” Anlässlich des Geburtstags meines Sohnes frage ich mich: Welches schwarze Loch hat die letzten 28 Jahre verschlungen? Turbulente Erinnerungen stürzen wie die Niagarafälle auf mich ein, reißen mich mit im Strudel der Vergangenheit.

Unser erster gemeinsamer Mama-Sohn- Ausflug hat heitere Spuren in meinem Gedächtnis hinterlassen. Unser Plan: Mit der Schnellbahn von Deutsch-Wagram, einem der ältesten Bahnhöfe Österreichs, nach Wien ins Naturhistorische Museum zu rattern. Für den Dreijährigen eine denkwürdige Reise, die ihn das erste Mal bewusst die Grenzen seines Wohnortes überschreiten lässt, denn schon der erste Halt in Süßenbrunn markiert den Übergang vom Bundesland Niederösterreich in die Bundeshauptstadt Wien.

Gemeinsam beobachten wir, wie zuerst noch gemächlich die keimenden Weizenfelder an den Zugfenstern vorbeiziehen, die dann, je näher wir der Großstadt rücken, von grauen Häusermeeren abgelöst werden. Ich nenne die Namen der einzelnen Bahnhöfe, die wir während der halbstündigen Fahrt passieren. In Wien Mitte müssen wir in die U-Bahn umsteigen. Und als der kleine Racker schließlich den herannahenden Silberpfeil zum ersten Mal zu Gesicht bekommt, schallt seine helle Kinderstimme weithin hörbar mit spürbarer Begeisterung über den Bahnsteig:

"Jetzt kommt das U-Boot."

Die Mundwinkel der restlichen Wartenden biegen sich spontan unisono nach oben, ich muss ebenfalls herzlich über den linguistischen Irrtum meines Sprösslings lachen und kläre diesen auf. Aber die Assoziation gefällt mir, denn auch Untergrundbahnen verschwinden genauso wie U-Boote in der Tiefe.

Mit dem Terminus Museum kann das Sandwichkind so gar nichts anfangen. So erzähle ich ihm, dass dort tote Tiere, die teilweise leider schon ausgestorben sind, ausgestellt werden. Aber das erste, das wir im prächtigen Foyer des von Kaiser Franz Joseph I. im Wiener Historismus erbauten Gebäudekomplexes erspähen, ist ein Aquarium mit unglaublich lebendigen Piranhas, die ihre spitzen Zähne gar nicht erst fletschen müssen, um allgemeines Unbehagen zu verbreiten. Doch die restlichen Tiere, ich schwöre es, sind wirklich mausetot! Zum Glück, denn den riesigen Dinos wie etwa dem Diplodocus, Allosaurus fragillis oder Iguanodon, deren Skelette nicht nur den Neoforscher im Sauriersaal gewaltig beeindrucken, möchte man heutzutage wirklich nicht mehr begegnen.

Auf der Heimfahrt sinken wir erschöpft in die gepolsterten Sitze, der Dreijährige muss die vielen neuen Eindrücke verarbeiten. Aber zwei Stationen vor unserem Ziel machen sich seine Lebensgeister wieder bemerkbar, stolz verkündet er:

“Jetzt kommen wir zum Bauernhof!”

Das “Au” des Bahnhofs Leopoldau steckt in Sohnemanns eigenwilliger Kreation auf jeden Fall drin!

© Silvia Peiker 2022-04-25

Alltagskomik

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