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#angst

Am Scheideweg

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Am Scheideweg | story.one

Kreuzungen sind Wege, die der Entscheidung bedürfen, aber auch Orte, wo sich befreundete Menschen oder gänzlich Fremde begegnen, um ein Stück des Weges miteinander zu gehen. Manchmal reicht die Zeit der Begegnung nur für einen flüchtigen Augenblick, ein anderes Mal schlägt der Zufall Wurzeln, welche sich tief im fruchtbaren Erdreich verzweigen.

Bahnübergänge, besonders unbeschrankte, sind Orte, denen ich mit gemischten Gefühlen begegne. Ich blättere in meinen Aufzeichnungen, die mir die großen Freuden und kleinen Kalamitäten während meiner Schaffenszeit als Freizeitpädagogin in der Dorfschule Großengersdorf wieder ins Gedächtnis rufen. Mein Blick klebt fest an einem Eintrag im Tagebuch wie Eisblumen an der kalten Fensterscheibe im frosterstarrten Jänner.

Die im Herbst abgeernteten Felder sind unter einer dicken Schneedecke begraben, genauso wie die Straße, die in einer geraden Linie zum kleinen Ort führt. Das Befahren der Fahrbahn erfolgt auf eigene Gefahr, da diese im Winter weder geräumt noch gestreut wird. Doch die weiße Decke der Fahrbahn ist von den vielen Autoreifen der Dorfbewohner wie eine Loipe gespurt und der Umweg über Bockfließ, den Nachbarort, würde mich zu viel Zeit kosten. Die Schüler und Schülerinnen sollen nicht warten müssen, die Lehrerinnen, die ich ablöse, wollen nach getanem Unterricht nach Hause.

Ich schalte in den zweiten Gang, fahre mit akribischer Umsicht auf der eisigen Fahrbahn, im Hinterkopf: nur ja nicht in den Acker rutschen. Ein Habicht kreist über der einsamen Ebene und lässt sich als stiller Beobachter auf einem der kahlen Bäume, die den Straßenrand wie eine knorrige Winterarmee säumen, nieder.

Ich passiere das Andreaskreuz, nur noch wenige Meter bis zum eingleisigen Bahnübergang. Mein Lantra quält sich langsam den spiegelglatten Bahndamm hinauf. Die neuen Winterreifen finden jedoch keinen Grip auf den vereisten Schienen. Das Auto steckt fest, Panik kommt auf! Ich gebe Gas, worauf die Reifen lediglich durchdrehen. Ich schrecke hoch, als ich den schrillen Pfiff des herannahenden Zuges höre. Noch einmal drücke ich kurz aufs Gas, rolle ein wenig zurück, trete das Gaspedal beinahe durch und das Wunder geschieht. Der Wagen schießt, kurz bevor die Schnellbahn die Eisenbahnkeuzung erreicht, über den Bahnübergang hinaus. Faktisch in letzter Sekunde gerettet! Aber das anhaltende laute Pfeifen der vorbeirauschenden Lokomotive hallt in meinem Inneren noch lange nach.

Nachdenklich klappe ich das Tagebuch zu, dessen jungfräuliche Seiten ich in den Jahren als berufstätige Mutter nur noch mit bedeutungsvollen, herzerwärmenden, aber auch aufwühlenden Ereignissen füllte. Ich frage mich, ob ich die zweite Chance, mein zweites Leben, gut genützt habe und danke meinem Schutzengel. Zuweilen steht man am Scheideweg, trifft falsche Entscheidungen. Im Nachhinein betrachtet wäre wohl der zeitraubende Umweg der sicherste Pfad gewesen, um heil ans Ziel zu gelangen.

© Silvia Peiker 2022-03-20

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