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#alltagsgeschichten

Ariadnes roter Faden

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Ariadnes roter Faden | story.one

Lebhafte Erinnerungen an Gags, Gags, Gags von Stermann und Grissemann werden wach, als ich in David Lodges unterhaltsamen Roman „The British Museum is falling down“ schmökere. Adam Applebys Leseausweis, der seine Dissertation in der Bibliothek des British Museums schreiben möchte, ist schon abgelaufen und somit wird ihm der Zutritt zum Lesesaal verwehrt. Im Bestreben, seinen Ausweis zu erneuern und geplagt von Sorgen um das finanzielle Auskommen seiner Familie, versinkt er in einem kafkaesken Albtraum, in dem er zahlreiche bĂŒrokratische HĂŒrden auf dem Weg zur magischen Eintrittskarte ĂŒberwinden muss.

Meine jĂŒngste Tochter fand sich in einer Ă€hnlich grotesken Situation wieder, als sie sich vor einigen Jahren fĂŒr das Studium der Kunstgeschichte an der HauptuniversitĂ€t in Wien elektronisch inskribieren wollte. Ein Versuch, der, obwohl sie alle notwendigen Dokumente eingescannt und Daten eingegeben hatte, klĂ€glich misslang.

Frustriert von der Technik gondelte sie nach Wien ins Neue InstitutsgebĂ€ude, wo sie sich von den Angestellten des Help Desks Hilfe erhoffte. Vergeblich, die fĂŒnf unterbeschĂ€ftigten, genĂŒsslich Kaffee schlĂŒrfenden Mitarbeiter rieten ihr lediglich, sich im Computerraum des Instituts einzuloggen und erneut anzumelden. Nachdem sie Ariadnes rotem Faden gefolgt und endlich im richtigen Raum eingetrudelt war, schallte ihr die lapidare Auskunft entgegen: „Ohne Inskription keine Zugangsdaten fĂŒr einen universitĂ€tseigenen Rechner.“

Wieder zurĂŒck im Labyrinth der nĂ€chste, wohlgemeinte Ratschlag, den ihr ein Help Desk JĂŒnger ins unglĂ€ubige Gesicht klatschte:

“Melde dich doch mit deinem Handy an!

ErneuterFehlschlag!

Nun blieb ihr nur noch die Option, zur persönlichen Anmeldung zur Studienzulassungsstelle im Uni HauptgebĂ€ude ein paar Straßen weiter zu pilgern. Dort erwartete sie bereits eine bunt zusammengewĂŒrfelte Menschentraube. Anscheinend hatte sich das neue elektronische Anmeldeverfahren noch nicht richtig etabliert. Als Frischling hatte sie aber keine Ahnung, bei welchem Automaten sie ihre Wartenummer ziehen sollte, denn Kategorien wie Bachelor-, Master-, Diplomstudium, Studienberechtigung oder -beitrag, zusĂ€tzliche Studien usw. machten die Wahl zu Qual.

Eine junge Studentin, die ihr die Verzweiflung wohl vom Gesicht abgelesen hatte, drĂŒckte ihr plötzlich lĂ€chelnd ein KĂ€rtchen in die Hand:

“Wenn du dich fĂŒrs Bachelorstudium anmelden willst, kannst du diese Nummer haben, ich habe versehentlich zwei gezogen.“

Dank des Engels musste die Neostudentin auch nicht lange in der Schlange anstehen, da ihre Nummer bald auf dem Display aufleuchtete. Endlich saß sie einer verstĂ€ndnisvollen Frau gegenĂŒber:

„Kein Problem, ich werde etwas tricksen. Das System ist neu und noch nicht erprobt. Die Technik hat ihre TĂŒcken.“

Schließlich hatte sie der mit Hilfsbereitschaft geknĂŒpfte rote Faden aus dem Wirrwarr des Inskriptionsalbtraums gelotst. Gaudeamus igitur!

© Silvia Peiker 2021-01-15

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