skip to main content

#oldschoolromantik

Baumherzen

  • 172
Baumherzen | story.one

Gerry dreht sich wie ein Propeller. Gleich einem Zirkusartisten stößt er sich mit beiden Beinen von der schwankenden Sitzfläche ab, umfasst die oberste Eisenstange unserer Hollywoodschaukel mit seinen kleinen Händen, holt mit dem rechten Bein Schwung und wirbelt seinen Körper gleich einem Kreisel ein paar Mal hoch über meinem Kopf um die Stange herum. Während mein Cousin mir sein akrobatisches Luftballett vorführt, lümmle ich mit offenem Mund auf der weichen Decke und staune Löcher in die Luft.

Jeder Besuch, den Gerry mir und meiner Cousine Petra abstattet, ist ein Überraschungsmoment. Beinahe lautlos erklimmt er die zwei Meter hohe, alte Steinmauer, die unser Grundstück auf der Straßenseite umgibt. Mit einem waghalsigen Sprung taucht er wie ein Entertainer, der den besten Moment für seinen Auftritt nützt, mitten in unserem großen Garten auf. Zunächst noch verborgen zwischen den dicht belaubten Weinreben unseres Großvaters, gesellt er sich rasch zu uns, um uns von seinen neuesten Streichen zu erzählen.

Petra und ich haben gerade herabgefallene, süßlich duftende Rosenblätter in verschiedenen Farben gesammelt, die wir unter den Sträuchern unseres Großvaters entdeckt haben. Wir legen die Blüten ins Wasser und versuchen auf dieses Weise, deren Aroma zu konservieren. Das Blütenelixier bieten wir nun Gerry an, der sich schließlich gegen einen Bonus von 50 Groschen breitschlagen lässt, davon zu kosten. Da wir neugierig sind, schrecken wir auch nicht davor zurück, die braune, bröselige Erde von Omas Gemüsebeeten zu kosten. Das wagen wir natürlich kein zweites Mal! Dafür reißen wir einen Streifen von Opas Frühstückszeitung ab und würgen diesen mit Todesverachtung hinunter. Auch hier werden wir nicht zu Wiederholungstätern.

Ein paar Jahre später unternehmen Gerry und ich in den Sommerferien eine Radtour, treten fröhlich zwischen keimenden Weizen- und Kukuruzfeldern auf den holprigen Feldwegen in die Pedale. Ein spitzer Stein schlägt ein Loch in meinen Hinterreifen und zwingt mich, meinen Drahtesel zu schieben. Doch unser Ziel, den lichten Birkenhain, haben wir schon fast erreicht.

Wir verbergen unsere Räder hinter Sträuchern und laufen zu der kleinen Waldschneise, die uns noch aus Kindheitstagen vertraut ist. Dort legen wir uns in die grüne Wiese und lassen uns die Sonne ins Gesicht scheinen. Das Sonnenlicht tanzt zwischen den schleierartigen Zweigen der Birken und wirft flirrende Schatten auf die Lichtung. Völlig unerwartet drückt mir Gerry einen sanften Kuss mitten auf die Lippen. Verblüfft sehe ich, wie er sein Taschenmesser aus der Hosentasche zieht und in den schlanken Stamm des Laubbaums ein großes Herz schnitzt. Zusätzlich ritzt er noch meinen Vornamen und ich den seinigen in die helle Borke. Mit Herzchen in den Augen sehe ich uns beide im Hafen der Ehe landen.

Aber wie das Leben so spielt, gehen wir unsere eigenen Wege, und nur noch das Baumherz im Birkenwäldchen erinnert an unsere Zuneigung.

© Silvia Peiker 2021-10-14

Kommentare

Gehöre zu den Ersten, die die Geschichte kommentieren

Jede*r Autor*in freut sich über Feedback! Registriere dich kostenlos,
um einen Kommentar zu hinterlassen.