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#tierrettung

Begegnung mit einem Reh

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Begegnung mit einem Reh | story.one

Ab und zu blinzeln ein paar unternehmungslustige Sonnenstrahlen hinter dem Wolkenvorhang hervor. Nur wenige SpaziergĂ€nger sind an diesem lauen Herbsttag entlang des Liesingbaches unterwegs. Ich schwinge die Walkingstöcke und freue mich ĂŒber die schönen Sonnenblumen, die in Harmonie mit dem Orange der KĂŒrbisse auf dem PflĂŒckfeld des Biobauern wachsen.

Die Idylle wandelt sich im Nu in ein Spektakel, als zwei Rehe ĂŒber den Acker laufen. Das Flinkere von beiden möchte durch den engmaschigen, ein Meter hohen Zaun schlĂŒpfen, der das Feld bis auf wenige Öffnungen umgibt. Jedoch nur der schmale Kopf und die Vorderbeine des Wildtieres können sich durch die kleine, rechteckige Öffnung zwĂ€ngen, der Leib und die HinterlĂ€ufe stecken auf der anderen Seite fest.

Die markerschĂŒtternden Schreie des gefangenen Tieres spornen mich an, mein Tempo zu beschleunigen. Ein PĂ€rchen mit drei kleinen Hunden ist schon auf Höhe des armen Gefangenen. Endlich erreiche ich die Unfallstelle und bitte den Ă€lteren Mann, sich mit den Hunden zu entfernen, denn das Tier hat bestimmt Angst vor den Dackeln. Nachdem die aufgeregten Vierbeiner weg sind, versuchen wir zu zweit, das Reh aus seiner misslichen Lage zu befreien.

Die junge Frau möchte Kopf und Oberkörper des Rehs auf den Acker zurĂŒckschieben, doch da spielt das verschreckte Wildtier nicht mit. So steigt sie behende ĂŒber das Gitter, wĂ€hrend ich mich bemĂŒhe, den vorderen Leib des Pechvogels festzuhalten und mit ruhiger Stimme auf das Tier einrede. Doch das Reh wehrt sich vehement dagegen, von mir gehalten zu werden, sieht sein Heil nur in der Flucht nach vorne.

Die missliche Lage des Wildtieres verleiht mir anscheinend SuperkrĂ€fte, denn ich schaffe es, den starken Metalldraht ein wenig zu dehnen. Mit vereinten KrĂ€ften gelingt es uns schließlich, dem armen Tier zu helfen, seinen Hinterleib durch die enge Öffnung zu schieben. Mit einem Satz springt das Reh die Böschung hinunter, sprintet durch den nur wenig Wasser fĂŒhrenden Bach und verschwindet zwischen BĂ€umen und StrĂ€uchern auf der anderen Seite.

Meine GefĂ€hrtin ist zuversichtlich, dass unser SchĂŒtzling wieder zu seiner Herde finden wird. Wir verabschieden uns und wĂ€hrend sie zu ihrem wartenden Begleiter lĂ€uft, sitzt mir der Schreck noch immer in den Gliedern.

Ich beschließe meine Wanderung am gegenĂŒberliegenden Bachufer fortzusetzen und halte Ausschau nach dem Tier, das ich jedoch nicht mehr ausmachen kann. Einzelne SpaziergĂ€nger werfen mir verwunderte Blicke zu, als ich immer wieder im GebĂŒsch verschwinde, um nach dem Reh zu suchen. So bleibt mir nur die Hoffnung, dass es bald wieder auf seine Artgenossen trifft.

In Zukunft sollte ich auf meinen Walkingtouren wohl eine Drahtzange mitnehmen.

Dank an John Royle fĂŒrs stimmungsvolle Foto!

© Silvia Peiker 2021-10-04

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