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#jugendzeit#everydaystorysalltagsgeschichten

Brandgefährlich

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Brandgefährlich | story.one

Meine Freundin Gusti und ich beschlossen, im Juli und August eine Ferialpraxis im Pensionistenheim Leopoldau zu machen. Dank unserer ersten, selbstverdienten Scheine rückte unsere Sprachreise nach England nun in greifbare Nähe.

Meine Freundin kam immer erst zum Bahnhof, wenn unser Zug schon in die Station fuhr. Eines Morgens musste ich ohne sie einsteigen, Gusti hatte vermutlich verschlafen. Doch plötzlich spazierte sie vergnügt aus dem Abteil des Schaffners, der sie in den abfahrenden Waggon hineingezogen hatte.

Zehn Minuten vor sieben Uhr früh begann unser Dienst damit, den meist recht rüstigen Pensionist*innen ihr Frühstück zu servieren. Mit einem Lächeln auf den Lippen gelang es uns stets, bei den älteren Bewohner*innen für gute Laune zu sorgen.

Zwei Stunden später, in der großen Betriebsküche, räumten wir dann das Geschirr in den riesigen Geschirrspüler, polierten das saubere Besteck mit Essig, schälten frisch gekochte Erdäpfel, schnitten Gemüse klein oder rührten mit dem Kochlöffel in den übergroßen Töpfen, damit nichts anbrannte. Nachdem die Speisen fertig gegart und die Salate mariniert waren, nahmen alle Köchinnen und Küchengehilfinnen ihren Platz beim Förderband ein, um rucki, zucki Suppe, Haupt- und Nachspeise auf die Teller zu klatschen.

Jedoch als die Köchin und ich dabei waren, die heiße Suppe in den leeren Warmhaltebehälter zu leeren, kippte der schwere Topf, und ein Teil seines noch dampfenden Inhalts ergoss sich über meinen linken Fuß. Zunächst einmal war mein Schmerzempfinden lahmgelegt, ich registrierte zwar die entsetzen Schreie meiner Kolleginnen, bemerkte aber lediglich, dass mein Arbeitsschuh und der Socken ein ausgiebiges Bad in der fetten Brühe genommen hatten.

Energisch packte mich die Köchin beim Arm und bugsierte mich zielstrebig zur Vorratskammer. Dort entkleidete sie meinen krebsroten Fuß, griff in den prall gefüllten Mehlsack, und schon rieselte feiner Mehlstaub auf die stark verbrühte Haut. Erschrocken eilte eine andere Kollegin herbei, zerrte mich zum Wasserschlauch, wo das kalte Wasser meine Lebensgeister und den Schmerz weckte.

Der Hausarzt, dem ich seinen Unmut über die unsachgemäße Behandlung mit dem nicht probaten Hausmittel vom Gesicht ablesen konnte, schüttelte nur den Kopf. Auf meinem Rist hatte sich bereits eine riesige Blase gebildet. Unterhaltsam waren jedes Mal die Verbandswechsel, wobei der liebe Doktor stets seiner Leidenschaft, der Geografie, frönte, und mir so lehrreiche Fragen wie „Welche Länder grenzen an Österreich?“ stellte.

Vierzehn Tage später und endlich ohne Verband meldete ich mich zum Küchendienst zurück, wo ich mich beeilte, den Irrglauben vom heilenden Mehl bei Brandwunden rasch zu beseitigen. Die Köchin, die mir ja nur hatte helfen wollen, entschuldigte sich zerknirscht bei mir. Böse war ich ihr nicht, sie hatte es halt nicht besser gewusst, und von der Blase war bald nichts mehr zu sehen.

Foto: Max Kukuruzdiak❤️

© Silvia Peiker 2022-01-20

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