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Da ist der Wurm drin

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Da ist der Wurm drin | story.one

Aufgewachsen bin ich in einem Haus, dessen Ziegelwerk stoisch drei Jahrhunderte ├╝berdauerte und Napoleons Kanonenkugeln trotzte, auch wenn der vermessene Korse auf den verw├╝steten Feldern vor Deutsch-Wagram den Sieg f├╝r sich entscheiden konnte. Als Gro├čfamilie teilten sich meine beiden Gro├čeltern, der Bruder meines Vaters mit Frau und Tochter und meine Eltern und ich das ehemalige Postamt der damals noch ├╝berschaubaren Marktgemeinde.

Oma und Opa wohnten im vorderen Teil des Hauses, dessen Fenster auf die Hauptstra├če hinausgehen. Meine Cousine Petra und ihre Eltern im mittleren Teil mit Aussicht auf den Rosengarten meines Gro├čvaters. Meine Familie war im hinteren Fl├╝gel untergebracht, der an die Waschk├╝che grenzte und dessen drei riesige Panoramafenster ebenfalls in den gro├čen Garten mit der sch├Ânen, weinumrankten Laube blickten.

Meine Cousine und ich hatten zwar beide kein eigenes Zimmer, stattdessen durften wir das sogenannte Spielzimmer, in dem in der kalten Jahreszeit an den Wochenenden von den Erwachsenen eifrig Tarock gespielt wurde, unter der Woche in Beschlag nehmen. Zwar hatte dieser Raum, der in fr├╝heren Zeiten als Stall f├╝r die Postkutschenpferde gedient hatte, keine Fenster, und man musste das Licht anknipsen, wenn man etwas sehen wollte. T├╝r gab es auch keine, daf├╝r baumelten vom breiten T├╝rrahmen Holzringe oder eine Schaukel, die an starken Seilen befestigt waren. So konnten wir immer, wenn der Wetterfrosch auf der untersten Sprosse der Leiter in seinem Glas hockte, im Haus unseren Bewegungsdrang mit akrobatischen Kunstst├╝cken wie tollk├╝hne Zirkusartisten ausleben.

In eine Ecke an der Wand zu Petras Wohn- und Schlafzimmer schmiegte sich ein schlichtes Pianino. Seinem braunen Klangk├Ârper sah man das Alter regelrecht an und eigenartige L├Âcher durchzogen seinen h├Âlzernen Korpus. Wenn wir ausnahmsweise einmal leise waren, konnten wir ein unheimliches Knacksen und Rumoren, das aus dem Inneren des Tasteninstruments drang, vernehmen. Mama meinte, da w├Ąre der Holzwurm drin. Sie hatte bestimmt recht, denn die verr├Ąterische Perforation zog sich wie ein abstraktes Muster ├╝ber die glatte Oberfl├Ąche von Deckel und Resonanzboden.

Nat├╝rlich lie├čen wir uns vom hungrigen Bewohner unseres Pianinos nicht davon abhalten, eigene Kompositionen zu ersinnen. Frohgemut hauten wir mit unseren Kinderfingern lautstark in die Tasten. Das Klavier war leider sehr verstimmt, was der Grund war, warum wohl nicht nur dem Parasiten, sondern auch allen anderen Familienmitgliedern das H├Âren und Sehen verging. Leider nahm der Wurm wegen unserer ersten musikalischen Versuche nicht Rei├čaus, er hatte es sich wohl schon zu gem├╝tlich zwischen den st├Ąhlernen Saiten gemacht.

Es dauerte jedoch nicht lange, und das besch├Ądigte Instrument war pl├Âtzlich verschwunden. Denn kr├Ąftige M├Âbelpacker hatten einen nagelneuen, wurmlosen Fl├╝gel ins Haus geschleppt. Mein erster Klavierunterricht hatte begonnen.

┬ę Silvia Peiker 2021-12-18

Kindheitserinnerung Dinge und ihre Geschichten

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