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#dingeundihregeschichten

Das alte Haus von Rocky Docky I

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Das alte Haus von Rocky Docky I | story.one

„hat vieles schon erlebt, kein Wunder, dass es zittert, kein Wunder, dass es bebt. Das Haus von Rocky Docky sah Angst und Pein und Not. Es wartet jeden Abend aufs neue Morgenrot.“ Paul Floras schwarzweiße Federzeichnung des leeren Hauses Ă€hnelt ein wenig der alten, unbewohnten Villa, die meine Freundin Gusti und ich eines Nachts auf eigene Faust erkunden wollten.

Da Freunde in der NĂ€he des alten GemĂ€uers wohnten, hatte der lĂ€ngst aus der Mode gekommene, dekorative Baustil aus dem vorigen Jahrhundert und die geheimnisvolle Aura des GrundstĂŒcks, wenn wir mit unseren KlapprĂ€dern daran vorbeisausten, unser Interesse geweckt. In unserer Vorstellung waren die stillen RĂ€ume des Hauses hell erleuchtet, waren erfĂŒllt mit Lachen und Stimmengewirr. In seinen Eingeweiden tummelten sich Alt und Jung, die fröhliche Feste im nun verwunschenen Garten feierten. Neue Familienmitglieder wurden in Ehebetten geboren, andere wiederum hauchten ihren letzten Atemzug und schieden fĂŒr immer. Ein stetiges Kommen und Gehen, nur die Grundmauern blieben stets dieselben und speicherten die mannigfaltigen Biografien der einstigen Bewohner wie in einem Buch mit sieben Siegeln. Dieses RĂ€tsel wollten wir ergrĂŒnden, der mysteriösen Ruine ihr Geheimnis entlocken. FĂŒr unseren Streifzug durch unbekanntes Terrain wĂ€hlten wir den Schutz der Dunkelheit,

Es war nicht schwierig, durch die losen Holzlatten des morschen Gartenzauns zu klettern. Der Nachthimmel war klar und Mond und Sterne spendeten ihr spĂ€rliches Licht, damit wir die teilweise mit Moos und Gras ĂŒberwachsenen Steinplatten des Pfades im dĂŒsteren, verwilderten Garten des verlassenen Anwesens erkennen konnten. Völlig unerwartet stieß ich mit meinen offenen Sandalen gegen einen losen, spitzen Stein. Nur mit MĂŒhe konnte ich einen Aufschrei unterdrĂŒcken. Wir waren ja ohne Erlaubnis in das GrundstĂŒck eingedrungen, die angrenzenden Nachbarn sollten von unserer Erkundungstour möglichst keine Kenntnis erhalten.

Vorsichtig schlĂ€ngelten wir uns vorbei an schemenhaften StrĂ€uchern im Schutz hoher Baumkronen, deren knotige Wurzeln unser Vorankommen erschwerten. Plötzlich machte Gusti einen Schritt zurĂŒck und wir stießen unsanft zusammen. Ich konnte nur mit MĂŒhe mein Gleichgewicht auf den rissigen, teils vom dichten Unkraut gespaltenen Steinen halten. Beinahe wĂ€re sie in einen kleinen Teich gefallen, der infolge der schummrigen LichtverhĂ€ltnisse und des starken Pflanzenbewuchses faktisch wie aus dem Nichts aufgetaucht war. Achtsam umrundeten wir den modrigen, wenig einladenden TĂŒmpel und setzten unseren Weg zur HintertĂŒr des baufĂ€lligen GemĂ€uers fort.

Nur noch wenige Meter trennten uns von der RĂŒckseite des einst so prĂ€chtigen Bauwerks. Traurig stemmten sich seine dunklen Umrisse wie ein letztes AufbĂ€umen gegen den drohenden Verfall in die Höhe. Was wĂŒrde uns wohl in seinem Inneren erwarten?

Fortsetzung folgt

Foto: Foto: Paul Flora, „Das leere Haus“ (Albertina)

© Silvia Peiker 2022-01-02

Inspiration: BerĂŒhmte Buch-Film-Songtitel Dinge und ihre Geschichten

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