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Das Kind im Garten

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Das Kind im Garten | story.one

Kinderlachen und spielen im Schoße der Natur sind in meinen Erinnerungen untrennbar an die Gärten meiner Großeltern geknüpft. Es ist, als würde ich in die Zeit zurückfallen, als meine kindliche Seele noch Kind sein durfte und noch nichts von den heranbrausenden Stürmen des Lebens ahnte, gegen die die Erwachsenen früher oder später ankämpfen müssen.

Besuchten wir unsere Großmutter mit dem Fahrrad, so mussten wir, wenn wir die emsige Frau nicht beim Garteln antrafen, über das niedrige Tor klettern, denn Klingel gab es keine. Dort wartete eine große Zahl an Obstbäumen, Beerensträuchern und Gemüsebeeten in den Sommermonaten darauf, abgeerntet zu werden, wobei wir Oma und meine Mutter gerne unterstützten, denn naschen durften wir so viel wir wollten und die selbstgezogenen Rhabarber- und Apfelstrudel sowie die köstliche Zwetschgen-, Ribisel-, Weichsel und Marillenmarmelade verschmähten wir auch nicht.

Im Juni winkten die ersten Herzkirschen, deren saftiges Rot zwischen dem Grün der Blätter hervorlugte. Nachdem wir uns die Bäuche vollgeschlagen hatten, liefen meine Cousine und ich weiter in den Gemüsegarten, wo schon die süßen Erbsen darauf warteten, ausgelöst zu werden.

An warmen Tagen kletterten wir flink wie Äffchen auf den knorrigen Marillenbaum, setzten uns im Schatten des dichten Blätterkleides auf einen starken Ast und ließen die Seele baumeln. Mit dicken Arbeitshandschuhen halfen wir im Juli, die überreifen, weichen Früchte einzusammeln, an denen teilweise die vom gegorenen Saft betrunkenen Wespen klebten.

Noch heute beschleicht mich ein mulmiges Gefühl, wenn ich Hühner sehe. Oma warnte uns stets davor, uns vor dem Hahn in Acht zu nehmen, denn wenn er schlechte Laune hatte, konnte es durchaus geschehen, dass er die menschlichen Eindringlinge im Hühnerhof, wo er ja zugegebenermaßen der Hahn im Korb war, mithilfe seiner spitzen Krallen und seines harten Schnabels mit lautem Gegacker und wild mit den Flügeln schlagend vertrieb. Bis es selbst meiner Großmutter zu viel wurde und er im Suppentopf landete.

Großen Respekt hatten wir auch vor den Regenfässern, die Opa tief in die Erde eingegraben hatte. Wenn wir auf ihre trübe Oberfläche hinunterblickten, schien uns ein grausiges Untier seinen Schlund zu öffnen, und so mieden wir deren Nähe.

Meine Cousine Petra und ich lieferten uns häufig Verfolgungsjagden, spielten Räuber und Gendarm. Als Gangster musste ich ja Fersengeld geben und landete so unversehens in den Kakteen meines Großvaters, der sie zu meinem Leidwesen im Wintergarten züchtete. Als hätte ich einen Ausflug ins Wüstenhaus in Schönbrunn unternommen, bohrten sich etliche lange Dornen in meine Hände und Arme und piksten fürchterlich. Auch wenn die Dornen der Kakteen nur umgewandelte Blätter sind und sie sich dadurch nur gegen Fressfeinde schützen möchten: Hatten sie wirklich gedacht, ich würde sie aufessen?

Herzlichen Dank an Johannes Hofmann für das stimmungsvolle Foto!

© Silvia Peiker 2021-04-17

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