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#unbeschwertesreisen

Ein Hauch von Tibet

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Ein Hauch von Tibet | story.one

Die einzigartigen Begegnungen mit warmherzigen, respektvollen, hilfsbereiten Menschen sind für mich das Salz meiner Reisen, die mich wie Meereswellen sanft umfangen. Ohne dieses wohltuende und anregende Gewürz wäre das Erforschen von fremden Kulturen lediglich ein Sammeln und Abspeichern von historischen, kulturellen und architektonischen Fakten, ein Vergleichen von unterschiedlichen Landschaftsformen, Pflanzen- und Tierspezies.

Eine ungewöhnliche Begegnung mit einer mir fremden Kultur hat einen tiefen Eindruck in meinen Erinnerungen hinterlassen.

Schäfchenwolken werden vom lauen Wind zusammengetrieben, als wir die Sommerresidenz der Queen verlassen, deren weiß getünchte Schlossmauern und zahlreicheTürmchen sich von den Grün-, Violett- und Brauntönen der wilden Heidelandschaft des Cairngorms Nationalparks abheben, der Balmoral Castle umgibt. Nun zieht es uns zur Destillerie Royal Lochnagar, die in Aberdeenshire zwischen dem Fluss Dee und dem Märchenschloss edelste Tröpfchen in ihren Blasen destilliert und als ehemaliger Hoflieferant das ROYAL in ihrem Logo führen darf.

Der Blick des besten aller Väter klebt an den kundigen Händen des Braumeisters, der den neu kreierten Whisky vom Fass in eine Flasche abzapft, als eine Gruppe von Mönchen leisen Schrittes den Besuchershop betritt. Sogleich macht sich ehrfürchtiges Schweigen breit und mir fällt auf, wie gut die traditionellen orangen Kutten mit dem goldenen Farbton des Edelbrands harmonieren. Rasch kommen wir ins Gespräch und erfahren, dass die frommen Tibetaner Gäste von Prince Charles sind, und, da sie schon einmal so weit gereist sind, auch eine Brennerei von innen sehen möchten. Das verwundert mich nun doch sehr, da Buddha zwar Alkohol nicht explizit verboten hat, aber von seinen Anhängern erwartet, dass sie sich in Enthaltsamkeit üben.

Doch die Mönche schnuppern lediglich am Edelbrand und ihr freundliches Lächeln wärmt mich jetzt noch, während riesige Schneeflocken vor meinem Fenster in Wien tanzen, die mir die Launenhaftigkeit des Aprils vor Augen führen.

Aber nicht nur in Schottland trifft man interessante Menschen. In Lignano begegnen wir Ladenbesitzern mit cuore per bambini, die unsere Jüngste dabei beobachten, wie sie klammheimlich wie Arsène Lupin ein Bilderbuch nach dem andern in den Korb unter ihrem Buggy schaufelt, ohne dass wir es bemerken. An der Kasse erwarten uns anstelle von Schimpftiraden nur lachende Gesichter.

Gratispopcorn auf Kos, die abenteuerliche Rettung der vom Wind verwehten Schirmkappe unseres Sandwichkindes aus einem Vulkankrater auf Nisyros durch einen wagemutigen Deutschen, die Starthilfe eines Schweizers in Savognin am Berg in den frühen Morgenstunden, Engländer, die ins Haus eilen, eine Landkarte holen, um uns den richtigen Weg zu weisen, in der Pinakothek in München dürfen wir ausnahmsweise mit dem Kinderwagen durch die Säle rollen – ein Reigen an Menschlichkeit und Herzlichkeit.

© Silvia Peiker 2021-06-14

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