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#alter#kunst#theaterluft

Endspiel

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Endspiel | story.one

Sind wir nicht alle die Herrscher*innen über unser eigenes Leben? Und fällt nicht vielen von uns das Zepter aus den Händen, die eitel aufgesetzte Krone vom Haupt , so wie dem König in Ionescos Stück, wenn uns die Zipperleins des Alters einholen?

Freitag Abend, einen Tag nach der Premiere von DER KÖNIG STIRBT in den Kammerspielen. Claus Peymann, der das tragikomische Stück gekonnt inszeniert hat, hält eine kurze Rede. Macht uns darauf aufmerksam, dass wir das Muster unseres Daseins selbst entwerfen, dass alle Menschen auf diesem Planeten voneinander abhängig sind und sich gegenseitig helfen können. Obwohl den Tod, der uns von Geburt an begleitet, den hat noch keiner überlebt. Auch nicht der eigenartige Regent eines Phantasiereiches, der sich verzweifelt an seine Jugenderinnerungen klammert und die zeitlich begrenzte Realität nicht wahrhaben will.

Packt uns nicht alle das Grauen, wenn der schwache Schimmer unseres Dochtes das nahe Ende prophezeit? Wenn die Zeit sich gegen uns verschworen hat, unerbittlich in der Sanduhr unserer Realität die letzten Körnchen herabrieseln, sind wir gezwungen zu begreifen, dass Körper und Geist kraft- und verständnislos das unvermeidliche Ende heraufbeschwören.

Bernhard Schir ist ein König, der nur widerwillig sein Zepter abgibt, dessen Gedankenflucht ihm eine vitale Königin in der ewig jungen Gestalt von Maria Köstlinger vorgaukelt, damit er die Kassandrarufe der realen, greisen Angetrauten, die überzeugend von Lore Stefanek verkörpert wird, nicht vernehmen muss. Diese ergraute Königin hält ihm einen Spiegel vor, in ihr erblickt er seine eigene Gebrechlichkeit, die er nicht bereit ist, anzunehmen.

So wie beim Schach das Endspiel die letzte Phase des Spiels einleitet, so muss sich der König durch die Unbill des Alters kämpfen. Hexenschuss, Gliederschmerzen, Grauer Star, Schwerhörigkeit, schwindender Gleichgewichtssinn machen den Alltag zur Qual, und als der greise Herrscher in den letzten Atemzügen liegt, wirft selbst der königliche Leibarzt, den Johannes Krisch als diabolischer Quacksalber perfekt mimt, gleichgültig das Leichentuch über den unheilbar Kranken.

Der sterbende König will als vermeintlicher Herrscher über sein Leben seinen Todestag selbst bestimmen, bäumt sich auf gegen das unvermeidliche Ende, das ihn schließlich am Ende der Vorstellung ereilt. Das Publikum applaudiert, aber nicht, weil “Lang lebe der König” verstummt ist. Es zollt einer grandiosen Besetzung, der es gelingt , in ihrer zeitweise grotesken und enthüllenden Darstellung die Schrecken des Alters und das menschliche Sträuben dagegen vor Augen zu führen, Beifall.

© Silvia Peiker 2021-09-26

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