skip to main content

#1sommer1buch

Treffsicheres Teekränzchen

  • 198
Treffsicheres Teekränzchen | story.one

Der Jänner 2013 war sehr kalt. Das Thermometer fiel bis auf -10 ° tagsüber und im kleinen Schulgarten konnte man auf den glatten Betonflächen beinahe Eis laufen. Aus diesem Grund trafen sich Julia und ich mit unseren Schülern und Schülerinnen nach der Lernstunde meistens im Turnsaal, wo die Burschen am liebsten Fußball in der einen Hälfte spielten, während die Mädchen und auch einige wenige nicht fußballbegeisterte Buben an den Ringen oder Seilen ihre Geschicklichkeit erprobten. Die Hula Hoop Reifen waren bei den Schülerinnen ebenfalls sehr beliebt und man konnte die Talentierten häufig beobachten, wie sie die bunten Reifen um Taille, Arme, Beine oder sogar den Hals kreisen ließen.

Manchmal kam es auch vor, dass sich ein paar kreative Kinder Bastelmaterial vom Gruppenraum in eine der beiden Garderoben des Turnsaals mitnahmen und ihre Bastelarbeiten dort fortsetzten. Aber bei diesen frostigen Außentemperaturen war das nicht empfehlenswert, denn in der Halle war es nicht viel wärmer als draußen. Leider funktionierte die Heizung im Turnsaal des alten Gebäudes sehr schlecht und man fror recht schnell, wenn man nicht ständig in Bewegung blieb.

Aus diesem Grund hatten wir unsere heißen Getränke, die Lehrerin ihren Kaffee, ich meinen Tee, in den eisigen Saal mitgenommen. Wir hatten den großen Raum auf vielfachen Wunsch der Schulkinder wieder in zwei Hälften für die Anhänger des runden Leders und für die Mädchen und Burschen geteilt, die sich mit Seilspringen, Rad Schlagen und Kegeln die freie Zeit vertreiben wollten.

Ich hatte mein Teehäferl zur Sprossenwand gestellt, um ein paar SchülerInnen beim Aufstellen der hölzernen Kegel zur Hand zu gehen. Wir beabsichtigten, um die Wette zu kegeln und wollten herausfinden, wer wohl alle Neune mit nur einem Wurf umwerfen konnte. Julia behielt währenddessen die fußballspielende Kinderschar im Auge und sie wärmte sich ihre kalten Finger an der warmen Kaffeetasse.

Die erste Mannschaft hatte schon mit dem Kegeln begonnen, als plötzlich ein helles Klirren ertönte. Ich schreckte hoch, hatte ich doch meine Aufmerksamkeit gänzlich auf unseren Wettbewerb fokussiert und die anderen Aktivitäten in der Turnhalle aus den Augen verloren. Als ich mich umblickte, sah ich die Bescherung!

Der Fußball hatte mein Häferl getroffen! Wie durch ein Wunder war die Tasse ganz geblieben, lediglich der Henkel war ab. Als wäre nichts geschehen, stand die nun henkellose Keramiktasse in einer kleinen Teepfütze noch immer unter der letzten Sprosse der Kletterwand.

"Ein Meisterschuss!" schoss mir durch den Kopf. Und als hätte Eric meine Gedanken gelesen, rief er mir vom Fußballfeld zu: "Tschuldigung, war keine Absicht!"

Das glaubte ich ihm aufs Wort. Julia und ich staunten nicht schlecht über diese unbeabsichtigte Leistung und lachten noch immer, als wir schon dabei waren, den Turnsaal gemeinsam mit den Kindern wieder aufzuräumen. Fast hätte ich an diesem Nachmittag meine Wärmequelle eingebüßt...

© Silvia Peiker 2020-09-11

Kommentare

Gehöre zu den Ersten, die die Geschichte kommentieren

Jede*r Autor*in freut sich über Feedback! Registriere dich kostenlos,
um einen Kommentar zu hinterlassen.