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Erinnerungen an Evamaria

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Erinnerungen an Evamaria | story.one

Noch wartet der Inhalt einiger weniger Umzugkartons darauf, von mir ausgepackt und sortiert zu werden. Eine Tätigkeit, die Zeit und Muße erfordert. Das Herumstöbern in längst vergessenen Tagebucheinträgen, Stammbüchern und alten Briefen weckt so manch nostalgische Erinnerungen. Unvermutet stoße ich auf eine Mappe mit dicht beschriebenen Briefpapierbögen, erkenne Evamarias schwungvolle Handschrift.

Nur kurz haben wir beide in der kleinen Kanzlei gearbeitet, als du mit deinem Verlobten nach Grottaminarda ausgewandert bist. Du hast nur das mitgenommen, was in euren weißen VW Bus gepasst hat, darunter auch Kiwi-Pflanzen, die du im Süden züchten wolltest. Du hast nie Italienisch gelernt, trotzdem bist du mutig in den Süden entschwunden, hast versucht, dir fern von der Heimat ein neues Leben aufzubauen.

In deinen Briefen erzählst du mir vom zermürbenden Kampf mit Antonios Mutter, die nach dem Tod des Vaters als Familienoberhaupt das Zepter schwingt und die Partnerin des Sohnes im streng katholischen Land nicht akzeptieren kann. Dein Verlobter kann dir keinen Ehering über den Finger streifen, denn er gilt, obwohl er in Deutschland geschieden wurde, in Italien noch immer als verheirateter Mann, und eine neuerliche Eheschließung käme einer Bigamie gleich.

Du hast dich in der Handelskammer zur Chefsekretärin hochgekämpft, nun erntest du Tomaten auf den Feldern der Familie und verkaufst diese auf dem wöchentlichen Markt. Pasta Asciutta wird täglich gekocht, sie kommt dir schon bei den Ohren raus.

Wenn du nicht in der Landwirtschaft hilfst, schleppst du Ziegel oder rührst Beton an, denn du und Antonio, der Maurer gelernt hat, habt beschlossen, ein eigenes casetta zu bauen. Bald sprichst du fließend italienisch. Du bist froh über deine Sprachkenntnisse, denn dort, wo die Camorra herrscht, kannst du dich mit Deutsch nicht verständigen.

Der Hausbau verschlingt Unsummen von Geld, deine Abfertigung ist bald aufgebraucht und du nimmst eine Stelle als Putzfrau bei einem Witwer an. Antonio ist rasend eifersüchtig, du trennst dich kurz von ihm. Deine Verzweiflung springt mir beim Lesen förmlich ins Gesicht, du fühlst dich als Fremde und wirst von der Familie deines Verlobten auch weiterhin so behandelt. Egal wie viel du schuftest, es ist nie genug. Du bist nicht gut genug, obwohl du gar nicht die Schuld daran trägst, dass ihr beide nicht heiraten könnt.

Dein einziger Trost ist deine treue Gefährtin Mira, die dich in den Süden begleitet hat. Bald schon wirft der Schäfermischling Junge. Deiner Mutter gelingt es, mit Edith Klingers Hilfe, die damals die Tierecke der Kronen Zeitung leitet, die süßen Welpen nach Wien zu holen und auf gute Plätze zu vermitteln.

Du kehrst wieder nach Österreich zurück. Aber Antonio verspricht dir, dass alles besser werden wird. Gemeinsam besteigt ihr den Zug nach Neapel. Am Bahnsteig werden eure Koffer gestohlen, Antonio ist wütend. Ein schlechtes Omen für einen Neubeginn …

© Silvia Peiker 2021-05-20

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