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Fang das Licht

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Fang das Licht | story.one

Hier ist nicht Hans, sondern Silvia im Glück! Prickelnde Euphorie pumpt durch meine Adern, als ich ehrfurchtsvoll die Säle betrete, die ausschließlich Joseph Mallord William Turners Werken gewidmet sind. Endlich angekommen in den heiligen Hallen der Tate Gallery, blicke ich auf die Originale, die der Meister mit seinem magischen Pinsel mit Ölfarben auf die Leinwand für alle Ewigkeit gezaubert hat. Staunend wandere ich von einem Kunstwerk zum nächsten, betrachtete „Rain, Steam, and Speed“ aus der Nähe mit einem Schmunzeln auf den Lippen, als ich mich an das Unbehagen unserer Jüngsten erinnere, der das gerahmte Kalenderblatt in unserem Wohnzimmer so gar nicht behagte.

Für unsere Kleine ähnelte die von Turner auf einer Brücke eindrucksvoll in Szene gesetzte Dampflokomotive dem bösen Wolf, der anstatt wie bei Rotkäppchen im Wald, auf dem Gemälde unvermittelt aus den Rauchschwaden auftaucht.

„Rein wie italienische Luft“.

William Turners Begeisterung für den Malstil des Franzosen Claude Lorrain, den er auf seinen Reisen kennengelernt und verinnerlicht hatte, sollte seine eigene Maltechnik für alle ersichtlich prägen. Indem er die Farben direkt auf der Leinwand mit reichlich Weiß mischte und dadurch zum Leuchten brachte, gelang es ihm, auf seinen Bildern, im Geist der Aufklärung, das lux naturalis einzufangen.

Obwohl Turner stets im Schatten des zeitgenössischen Landschaftsmalers William Constable stand, und seine wunderschönen Werke auf Anweisung von Queen Victoria, die seinem unpräzisen Malstil nichts abzugewinnen vermochte, auf schlecht sichtbare Plätze in der National Gallery verbannt wurden, gelang ihm dennoch das Kunststück, Licht in Form von Sonnenunter- bzw. -aufgängen auf die Leinwand zu bannen.

Welch weise Voraussicht, dass der Künstler die meisten seiner Gemälde, Zeichnungen und Skizzen trotz zahlreicher Interessenten dem Staat vermacht hatte, der seine kreative Hinterlassenschaft auf die National Gallery, das Tate Museum, das British Museum und auf die Clore Gallery, eine Erweiterung der Tate Gallery, aufteilte. Denn so kommen unzählige Kunstliebhaber in den Genuss, die einzigartigen Kunstwerke des Virtuosen, der die nachkommenden Impressionisten wie Claude Monet oder Auguste Renoir inspirierte, im Original zu bewundern.

Auf der Suche nach dem Café, das sich im Untergeschoß der Galerie befinden soll, entdecken wir einen Stand mit Getränken und Sandwiches. Verwundert bin ich, als ich auf meine höfliche Frage in bestem Englisch nach einer Speisekarte keine Antwort erhalte. Stattdessen überreicht mir die Dame vom Service einen Teller mit Brötchen und erkundigt sich: “Tea or Coffee?” Der beste aller Väter zückt schon das Portemonnaie, doch bezahlen ist keine Option.

Wir haben uns unbeabsichtigt unter eine Sponsorengruppe des Museums gemischt. So genießen wir mit den anderen unsere Gratisjause im begrünten Innenhof der Gallerie und hinterlassen eine großzügige Spende.

© Silvia Peiker 2021-05-30

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