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#generations

Flaschenpost und andere Schätze

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Flaschenpost und andere Schätze | story.one

„Du musst tiefer graben!“ feuerte mich meine Cousine Petra an, als wir unter dem grünbelaubten Wipfel des Nussbaumes mit vereinten Kräften unseren Schatz vergruben. Wir hatten einige ersparte Münzen und schöne Knöpfe in ein Tuch eingeschlagen, und dieses Bündel schließlich liebevoll, wie Gollum seinen behüteten Ring, in eine kleine rote Blechdose gebettet. Gleich echten Piraten sollte unsere Schatzkiste nun, verborgen unter dem Rasenteppich, in unserem Garten den Jahreszeiten und Jahrzehnten trotzen und irgendwann von möglichst Fremden ausgegraben werden. Schlussendlich war es mein Vater, der wenige Jahre später auf unseren Hort aus Kindertagen stieß, als er gerade dabei war, die Wurzeln des vom Blitz erschlagenen Baumes auszugraben.

Petras und meine Kindheit prägten Einfachheit und Kreativität. Wollten wir rutschen, lehnte unser Großvater den langen, hölzernen Waschtrog, der einst in der Waschküche zum Einweichen und Ausschwemmen der Wäsche benützt worden war, verkehrtherum an den schweren Gartentisch.

Wie die Wiesel kletterten wir dann auf die Tischplatte, um von dort oben mit lautem Gejohle auf dem glatten Boden des Troges hinunter zu sausen. Sehr zum Leidwesen unserer netten Nachbarin, die sich dann bei meiner Großmutter über den kindlich unbeschwerten Krach während der frühen Nachmittagsstunden, in denen sie zu ruhen pflegte, ausweinte. Natürlich meistens berechtigt, wenn wir Musikkapelle spielten und mit dem Kochlöffel über die blechernen Rillen der Waschrumpel strichen oder die Deckel der Kochtöpfe meiner Mutter wie Tschinellen aneinanderschlugen. Da war Ohrensausen bei den Erwachsenen vorprogrammiert!

Trotzdem verstanden wir uns mit unserer Frau Berger, diesen Phantasienamen hatten wir ihr verliehen, recht gut, guckten fröhlich über den Zaun hinweg in ihren mit vielen rosafarbenen Cosmea und violetten Lupinien geschmückten Garten und erkundigten uns nach dem Befinden ihrer Goldfische im kleinen Teich, oder ob das Gemüse auch prächtig gedeihe.

Brannte die Sommersonne vom Himmel, war Petra im Nu braungebrannt, während meine Haut noch immer als Werbeträger für die NÖM herhalten konnte. Dann entfachte mein lieber Großvater ein Feuer unter dem Waschkessel, um schließlich Eimer um Eimer warmes Wasser in den Blechzuber zu leeren, damit seine Enkelinnen ihren Badespaß hatten.

Als wir schon etwas älter waren, liefen wir mit einer leeren Glasflasche zum nahen Rußbach und setzten uns unter die berühmte Eiche, auf deren starke Äste der kriegerische Korse einst geklettert war, um die feindlichen Truppen vor der Schlacht bei Wagram im Jahr 1809 durch seinen Feldstecher zu beobachten.

Im Schatten des Napoleonbaumes schrieben wir dann unsere Träume, unsere Wünsche an das Leben auf, steckten den Zettel in die Flasche und verschlossen diese mit einem Korken. Behutsam warfen wir unsere Flaschenpost in den trüben Bach, vom Gedanken beseelt, sie möge bis zum Schwarzen Meer gelangen...

© Silvia Peiker 2020-10-12

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