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Gefangen am stillen Ort

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Gefangen am stillen Ort | story.one

Wir waren jung, hatten Ferien, der Abend umfing uns mit seiner südlichen Wärme und wir wollten das Tanzbein schwingen. Rasch noch die Nase gepudert, etwas Lippgloss mit Kirschgeschmack aufgetragen, und schon stöckelten wir auf hohen Absätzen mit schwingenden Röcken zum angesagten Event in unserem Urlaubsdomizil Cattolica.

Im mit bunten Glühbirnen geschmückten Innenhof des Tanzcafés erwartete uns schon eine flotte Livecombo. Dort wollten wir mit gut aussehenden ragazzi ein Tänzchen unter den hell blinkenden Sternen wagen. Ein frommer Wunsch, den uns leider keine Fee mit Zauberstab erfüllte. Wir wurden nur von weitaus älteren Pappagalli aufgefordert, da die meisten jungen Männer schon mit ihrer Begleitung eine flotte Sohle aufs Tanzparkett legten.

Angelique hatte sich während ihrer Schulzeit mithilfe von Cicero und Ovid Lateinkenntnisse angeeignet, wodurch sie sich zumeist einen Reim auf die Avancen unserer aufdringlichen Verehrer machen konnte. Ich habe mir erst später in Kursen ein paar Brocken Italienisch erarbeitet und ich stimme mit meiner damaligen Nativspeakerin überein, dass die Wörter der italienischen Sprache come un baccio, also viel weicher und melodischer in der Aussprache klingen als das harte Deutsche.

Aber vom Küssen wollten wir in dieser herrlichen Sommernacht nichts wissen, und so flüchteten wir auf die Toilette. Meine Freundin wartete draußen, während ich all meine Kräfte aufbieten musste, um die Kabinentür zu verriegeln. Ich hatte mir gerade die Hände gewaschen, als ich bemerkte, dass der rostige Drehknauf der Verriegelung klemmte. Ich ruckelte und zerrte am Schloss, rief nach meiner Freundin, jedoch vergeblich. Die Verstärker der Band verschluckten meine Stimme, ich war gefangen am stillen Örtchen. Mit Peter Alexanders Lied im Kopf "Hier ist ein Mensch, öffne die Tür“ sah ich mich in der geräumigen Kabine um. Ich hatte Wasser, einen Thron zum Ausruhen, so konnte ich einige Zeit durchhalten.

Aber so wie in Peter Handkes „Versuch über den stillen Ort“ zog ich mich ja nicht mit Absicht vor unangenehmen Menschenansammlungen zurück. Es lag auch nicht in meiner Absicht, mein Haupt auf den Klodeckel zu betten und eine kostenlose Nacht im meistens streng duftenden Separee zu verbringen. Nein, ich wollte wieder à la Dancing Queen auf die Tanzfläche zurück und trommelte deshalb in Fred Feuerstein Manie gegen die dicke Holztür!

Endlich hörte ich Schritte vor meinem Gefängnis, guckte durchs Schlüsselloch und schrak zurück! Durch die kleine Öffnung starrte mich ein riesiges Auge an!

Von der sich zerkugelnden Angelique erfuhr ich später, dass die von ihr herbeigeholte Barfrau genauso entsetzt zurückgeschreckt war wie ich, als sie meine Pupille erblickte! Glücklicherweise war es möglich, mir einen Schlüssel unter dem schmalen Türspalt durchzuschieben. Im Nu hatte ich das Innenschloss geöffnet, stolperte ins Freie!

Es gab für mich in Italien zwar keine amore, dafür aber la libertà!

© Silvia Peiker 2020-10-28

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