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#hoffnung

Im Fluss

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Im Fluss | story.one

Im Fluss des Lebens treiben wir wie loser Seetang durch die Gezeiten, zappeln bei Ebbe manchmal wie hilflose Fische auf dem Trockenen oder kÀmpfen uns an die OberflÀche, wenn die Gravitation von Sonne und Mond sowie der GezeitenkrÀfte den Wasserspiegel ansteigen lassen, sodass er uns sprichwörtlich bis zum Hals steht.

Noch im Mutterleib schwimmen wir geborgen im Fruchtwasser, das uns nĂ€hrt und wie einen schĂŒtzenden Kokon umgibt. Schon von klein auf lieben wir es, in RegenpfĂŒtzen zu hĂŒpfen, und wer hat nicht schon unglĂ€ubig gestaunt ĂŒber den vor quirligem Leben sprĂŒhenden Mikrokosmos, der sich meist fĂŒr das Auge unsichtbar in einem TĂŒmpel verbirgt?

Das Leben pulsiert durch unsere Adern, fließt durch unsere Seele, so wie in Marlene Röders Jugendbuch IM FLUSS, wo der Geist des fließenden GewĂ€ssers die heranwachsenden Protagonist*innen in Atem hĂ€lt. Wenn die Großmutter ihren Tribut in Form von Blutstropfen ins Wasser trĂ€ufelt, erinnert dies an heidnische BrĂ€uche, mit deren Hilfe die griechische Flussgöttin Styx besĂ€nftigt werden sollte. So wie der Fluss Styx der Sage gemĂ€ĂŸ die Welt der Lebenden von jener der Unterwelt trennt, so spielt auch der Fluss im Roman eine transzendentale Rolle.

Wasser ist unser kostbarstes Lebenselixier und das spiegelt sich bereits in alten Flussnamen wie Ache, Alm oder Elbe wider. Die von unseren indogermanischen Vorfahren ersonnenen Wasserwörter zĂ€hlen zum Ă€ltesten europĂ€ischen Sprachgut, und diese BĂ€che und Ströme plĂ€tschern unermĂŒdlich seit Äonen von Jahren durch TĂ€ler und WĂ€lder, höhlen Felsen aus und waschen tiefe Rinnen ins Gestein.

Das Rauschen des Flusses wird zu einem fulminanten Crescendo, das sich in Röders ErzĂ€hlung in den Harmonien von Vivaldis orchestralen Le quattro stagioni offenbart, wenn FrĂŒhling, Sommer, Herbst und Winter im Wechselspiel der Jahreszeiten die Wassermassen des Flusses entweder anschwellen lassen oder zur eisigen Decke verdichten. Wenn die Protagonistin Mia virtuos ihren Bogen ĂŒber das Cello streicht, vermischen sich die instrumentalen KlĂ€nge mit jenen natĂŒrlichen des nahen Wasserlaufes, finden sich wieder im Zwitschern der Vögel, im Summen der Bienen, im SĂ€useln des Windes oder im Knacken des Eises.

Der Fluss des Lebens trĂ€gt Entstehen, Werden und Vergehen gleichermaßen in sich, fordert uns heraus, Taten zu setzen oder innezuhalten, unsere Perspektive zu relativieren, unser Augenmerk auf GegenwĂ€rtiges, Vergangenes oder ZukĂŒnftiges zu richten. WĂ€hrend wir im Hier und Jetzt weilen, werden wir doch zur selben Zeit durch vergangene Ereignisse beeinflusst und unsere Neugier wird durch mögliche, zukĂŒnftige Szenarien geweckt. Wir wachsen wie robuste, schillernde SĂŒĂŸwasserperlen im Inneren der Flussmuschel heran, atmen uns im Spiel des Überlebens an die rettende OberflĂ€che, nur um wieder vom lebensspendenden Nass, vom Strom des Weiterlebens, getragen zu werden.

Foto: Winterlandschaft mit Fjord von Edvard Munch (Albertina)

© Silvia Peiker 2022-01-07

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