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Katakomben können ganz schön kalt sein

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Katakomben können ganz schön kalt sein | story.one

Das Flackern der vielen, von Gläubigen entzündeten Kerzen verleiht dem imposanten Kirchenschiff ein heimeliges, warmes Ambiente. Wie schon so oft, wenn ich meine Schritte in die Wiener Innenstadt lenke, blicke ich hoch zum gotischen Südturm des Doms, der im Jahr 1433 mit seinen 136,4 Metern Europas höchsten Kirchturm darstellte. Im Nordturm baumelt die gewaltige Pummerin, die bald das neue Jahr einläuten wird.

Am Christtag erstrahlen neben dem Hochalter zwei hohe Weihnachtsbäume und die hell erleuchtete Krippe stellt ein weiteres Highlight neben dem Friedrichsgrab aus Marmor auf dem Weg durch das Innere des Gotteshauses dar. Meine Jüngste und ich begegnen einer geduldig wartenden Schar vor dem verschlossenen Abgang zu den Katakomben. Das weckt Erinnerungen an längst vergangene Sommerferien, in denen mich mein ältestes Mädel auf einen Erkundungstrip ins historische Wien begleitete:

Nachdem wir Teelichter im Gedenken an unsere Verstorbenen entzündet haben, möchte die Große den unterirdischen Bereich der Kathedrale, der den interessierten Blicken der meisten Theisten verborgen bleibt, erkunden. Nur um wenige Minuten haben wir die Führung in die geschichtsträchtige Gruft verpasst, die nächste ist erst wieder in einer Stunde fällig. Um die Wartezeit zu überbrücken, schlage ich vor, den Südturm der Domkirche hinaufzusteigen. Gesagt, gekeucht! Nach gezählten 343 Stufen erklimmen wir die Türmerstube, wo uns ein herrlicher Ausblick auf das nun moderne Wien erwartet. Bei einem netten Plausch mit dem Turmwärter erfahren wir, dass der Hauptturm nicht nur genutzt wurde, um feindliche Heere zu erspähen, sondern auch, um mögliche Brandherde in der mittelalterlichen Stadt so rasch wie möglich zu erkennen.

Himmel, wie geschwind doch die Zeit verfliegt! Schon trippeln wir wieder die ausgetretene, enge Wendeltreppe in schwindelerregendem Rekordtempo hinunter. Leider sind wir wieder zu spät dran und der mit schwarzem Schmiedeeisengitter umzäunte Platz vor den Katakomben liegt einsam und verwaist da. Doch wir haben ja Ferien und Muße in Hülle und Fülle.

Vis-à-vis des Wiener Wahrzeichens hat ein neues Bekleidungsgeschäft eröffnet, deshalb nichts wie hin! Natürlich müssen Shorts und Röcke erst einmal anprobiert werden, bevor sie zur Kassa wandern. Wieder verzettele ich mich mit der Zeit und die Grufttour beginnt ohne uns. Nun ist die Große aber richtig sauer auf ihre planlose Mutter. Nur ein Eisstanitzel vom nahen Schwedenplatz kann jetzt noch die erhitzten Gemüter beruhigen.

Ein paar Jahre später gelingt es mir endlich, diesmal mit zwei Kindern an der Hand, die Gruftanlage der ehemaligen österreichischen Herzöge, Bischöfe und Domherren zu inspizieren. Das Beinhaus mit den unzähligen Knochen und Totenköpfen der armen Pestopfer, die sich bis zur Decke stapeln, lassen unsere feinen Härchen zu Berge stehen und jagen uns kalte Schauer über den Rücken. Dort unten sollte man sich besser warm anziehen …

© Silvia Peiker 2021-12-26

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