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#frieden

Kein Lei Lei

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Kein Lei Lei | story.one

Eigentlich bin ich gar kein Fan vom lustigen Faschingstreiben. Das klingt jetzt sehr miesepetrig, aber ich mag es nicht, auf Knopfdruck zur Spaßkanone zu mutieren. In unserer krisengeschĂŒttelten Zeit hat man ohnehin wenig zu lachen, obwohl mit dem heutigen Faschingsdienstag vor Corona die nĂ€rrische Zeit mit FaschingsumzĂŒgen und KostĂŒmparties ihren krönenden Abschluss gefeiert hatte.

Als Kind liebte ich es, mich zu verkleiden. Meistens als Köchin oder Wahrsagerin. Die KostĂŒme waren rasch und nahezu ohne Kosten zusammengestellt, denn SchĂŒrzen, KopftĂŒcher und Kochlöffel hatten wir ausreichend daheim. Im Jahr darauf nĂ€hte mir Oma einen wunderschönen Rock aus glĂ€nzenden Stoffresten, den ich mit Spielkarten beklebte. Auch hier genĂŒgte ein Kopftuch, um meinen Freundinnen die Zukunft voraussagen. Am Faschingsdienstag freute ich mich auf die alljĂ€hrliche KostĂŒmparade, die im kleinen Turnsaal unserer Volksschule stattfand. VergnĂŒgt tanzten wir wie kleine, maskierte Derwische vorbei an Ringen und Seilen, wĂ€hrend unsere Lehrerin beschwingt flotte Gstanzl mit ihrer Ziehharmonika spielte.

SpĂ€ter, als ich fĂŒr das Niederösterreichische Hilfswerk tĂ€tig war, hab ich mit meinen eigenen Sprösslingen und den mir anvertrauten Tageskindern bunte UmhĂ€nge gebastelt. Viele kleine HĂ€nde wurden dazu in Acrylfarben getaucht, um Baumwolllein- und TischtĂŒcher zu verzieren. Ein eisiger Sturmwind wehte uns dann beim Faschingsumzug meines Heimatortes um die Ohren, und wir waren froh, dass wir unter unseren Helfenden-HĂ€nden-UmhĂ€ngen dicke Winterjacken trugen.

Alle Jahre wieder nahmen meine Kleinen an den KostĂŒmfesten der Pfarre teil. Ihre Verkleidungen kreierte ich aus Krepppapier in allen Regenbogenfarben, und sie mischten sich freudig als RotkĂ€ppchen, Blumen oder Zauberer verkleidet unter die anderen maskierten Kinder.

Gern erinnere ich mich an eine Faschingsparty bei Freunden. Unsere Verkleidung sorgte dort einerseits fĂŒr großes Aufsehen und war doch andererseits an Einfachheit nicht zu unterbieten. Als Siedler von Catan trugen wir Latzhosen, der beste aller VĂ€ter hatte eine Schaufel in der Hand und eine Kappe auf dem Kopf, wĂ€hrend ich, wie schon in jungen Jahren, ein Kopftuch umband, aber dieses Mal nicht den Kochlöffel schwang, sondern stattdessen den Dreschflegel.

WĂ€hrend ich in Karnevalserinnerungen schwelge, mĂŒssen andere um ihr Leben bangen, sind Unschuldige auf der Flucht, hat sich ein MilitĂ€rkonvoi in der Ukraine formiert. Ich möchte helfen, Babynahrung wird dringend benötigt, die Milch der jungen MĂŒtter versiegt stressbedingt. Karitative Organisationen nehmen Sachspenden entgegen, aber auch finanzielle UnterstĂŒtzung ist vonnöten. Ich möchte mich auf jeden Fall einbringen und wĂŒnsche diesen leidgeprĂŒften Menschen kein lei lei, sondern SolidaritĂ€t und alles GlĂŒck der Erde.

Eigenes Foto :Emil Nolde, Die Wintersonne

© Silvia Peiker 2022-03-01

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