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#generations#last christmas

Lasst und froh und munter sein

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Lasst und froh und munter sein | story.one

Meine Wangen und die meiner Cousine leuchteten knallrot vor KĂ€lte, fast so wie die Karottennase unseres Schneemannes vor dem Haus, als wir nach der Schneeballschlacht im tief verschneiten Garten unsere steifgefrorenen Finger ĂŒber dem Ölofen in der KĂŒche der Großeltern aufwĂ€rmten, der eine nahezu tropische Hitze verströmte. Langsam aber sicher tauten unsere klammen KinderhĂ€nde auf, und wir konnten es kaum erwarten, unsere vom Schneematsch verklebten Stiefel zu putzen, um sie vor die TĂŒr zu stellen, damit sie uns der Nikolaus am Abend des 6. Dezembers hoffentlich mit Mandarinen, Äpfeln, Datteln, NĂŒssen und ein wenig Schokolade fĂŒllte.

Der Krampus hatte ja schon gestern, als es zeitig dunkel geworden war, vor dem KĂŒchenfenster meiner Tante, furchteinflĂ¶ĂŸend mit seinen Ketten gerasselt. Ängstlich hatten wir uns aneinandergeklammert und gelobt, von nun an immer brav zu sein. Obgleich wir uns bemĂŒhten, konnten meine Cousine Petra und ich unser Versprechen nicht das ganze nĂ€chste Jahr durchhalten


Tante Monika, Petras Mama, hat uns spĂ€ter, als wir bereits Teenager waren, verraten, dass es unser Großvater war, der den kettenrasselnden finsteren Gesellen gemimt hatte, indem er mit viel Getöse und schauriger Wirkung die abmontierte Kette unserer Gartenschaukel vor dem mit einem Vorhang verdunkeltenFenster ĂŒber den betonierten Gartenweg zog.

Am 6. Dezember gab es und gibt es noch heute, dieses Jahr, um Menschenansammlungen zu vermeiden leider nicht, in meinem Heimatort aber noch eine zusĂ€tzliche Belohnung fĂŒr alle mehr oder weniger artigen Naseweise. Wunderbarerweise besuchte der gute Nikolaus mit seinem schwer beladenen Holzschlitten unser Kino, um dort seine Gaben zu verteilen. Abgesehen vom roten SĂ€ckchen wurden dann noch Groß und Klein mit einem Gratisticket fĂŒr einen Zeichentrickfilm von Walt Disney, meistens Cinderella oder Schneewittchen, auf der großen Leinwand im dunklen Kinosaal beschenkt.

Mit freudiger Erwartung liefen Petra und ich dann im letzten Licht der DĂ€mmerung nach Hause, weit hatten wir ja nicht. In der warmen Stube trĂ€llerten wir dann mit unseren hellen Kinderstimmen den Refrain unseres traditionellen Nikololiedes „Lustig, lustig traleralera, heut ist Nik‘lausabend da“, wĂ€hrend ich noch etwas holprig auf dem Klavier die beschwingte Melodie dazu spielte.

Beim Knacken der WalnĂŒsse, die der Nikolaus spĂ€ter am Abend in unseren polierten Stiefelchen versteckt hatte, hatten wir das Gerassel der gehörnten Schreckgestalt vom Vortag jedoch bald vergessen und freudig summten wir das Lied der Zwerge „Heiho, heiho, wir sind vergnĂŒgt und froh“.

Foto: Elijah O'Donnell, www.unsplash.com

© Silvia Peiker 2020-11-26

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