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#hände#menschenverbinden

Lebenslinien

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Lebenslinien | story.one

Wenn ich die Innenflächen meiner Hände betrachte, liebe ich es, die vielen feinen Linien, die sich wie ein Netz gleich Reiserouten verzweigen und auseinanderdriften, mit den Fingerkuppen nachzufahren. Eine lange Lebenslinie reiht sich an Herz- und Kopflinie und kundige Menschen könnten mir wohl so einiges über mein Wesen erzählen und einen Blick in die Zukunft werfen.

Während ich über mein Dasein nachdenke, mäandern meine Gedanken wie ineinander verschlungene Flussläufe und bleiben bei längst verblassten Erinnerungen hängen.

Immer wieder treffe ich auf die Symbolik von Händen, so wie die helfenden Hände im Logo des Vereins Hand in Hand, der mir meine erste Stelle als Freizeitpädagogin vermittelte. Ein Lächeln spielt um meinen Lippen, wenn ich daran denke, wie viel Spaß die Kinder und ich hatten, als wir unsere großen und kleinen Hände mit Fingerfarben bemalten und diese auf alte Leintücher drückten. Mit diesen farbenprächtigen Tüchern, die im Handumdrehen zahlreiche Handkleckse zierten, nahmen wir am Faschingsumzug meines Heimatortes im Februar teil. Simpel verkleidet als helfende Hände warfen wir unsere Umhänge über unsere dicken Jacken, um uns vor den frostigen Temperaturen zu schützen.

Als wäre es gestern gewesen, sehe ich noch immer den hilfsbereiten, kleinen irischen Burschen in Badehose vor mir, der mich dabei beobachtet, wie ich mich vergeblich bemühe, die unförmige Badetasche in das Kästchen im Schwimmbad von Kilkee zu hieven. Seine nette Frage: CAN I GIVE YOU HAND? klingt noch immer in meinen Ohren.

Noch immer glaube ich die schützende Hand meines Cousins Michaels zu spüren, die mich während eines Konzerts der Rockgruppe Queen in der Wiener Stadthalle rasch wieder hochzieht, als die begeisterten Fans, die zur Bühne drängen, mich zu Boden stoßen.

Und wie von Geisterhand öffnet sich das prächtige Kuppelgewölbe der Sixtinischen Kapelle über mir und ich blicke nochmals staunend und ehrfürchtig hoch zu Michelangelos Meisterwerk, seinem Deckenfresko, wo er die Erschaffung Adams mithilfe Gottes ausgestrecktem Zeigefinger offenbart. Zwei Hände, die ohne sich tatsächlich zu berühren, eine tiefe Verbundenheit ausstrahlen. Und während die göttliche Hand Leben spendet, empfängt die andere lebenshungrig dieses kostbare Geschenk.

Die schönsten Erinnerungen sind jedoch die Hände meiner eigenen Kinder, wie sich ihre winzigen Finger an meinen im Vergleich dazu riesigen Fingern festhalten.

Hände, ein Zeichen ewiger Verbundenheit, dessen Magie nicht nur der unvergleichliche Michelangelo Buonarotti auf Leinwand und Marmor zu bannen wusste. Vor meinem geistigen Auge erscheint auch Dürers feine Zeichnung seiner betenden Hände, die mich in stumme Andacht versinken lassen.

Auch bei Xenia Hausners Gemälden finden sich immer wieder Hände, die zum Abschied winken, umarmen, berühren, sich festhalten wollen. So als wollte die Künstlerin uns sagen: Unser Leben liegt in unserer Hand.

Foto Albertina

© Silvia Peiker 2021-08-23

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