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#gedanken#wienerwald

Leuchtkraft des Altweibersommers

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Leuchtkraft des Altweibersommers | story.one

Der Nebel schwebt wie ein zarter Schleier über dem herbstlich gefärbten Laubwald und den feuchten Wiesen, deren verblassende Grüntöne im schwachen Sonnenlicht glänzen. Die zarten Herbstkrokusse konkurrieren mit ihren länglichen, lilafarbigen Blütenblättern mit der prächtigen Farbpalette der herbstlichen Landschaft, auf die der Altweibersommer seinen bunten Stempel drückt.

Wie in einer großen, durchsichtigen Seifenblase spiegelt sich vor meinem inneren Auge die wohltuende Stille, die sich zwischen den hohen Buchen, Eichen und noch dicht belaubten Haselsträuchern herabsenkt. Meine Schritte werden durch das zu Boden gesunkene Laub gedämpft, und ich atme den Duft von Pilzen, nassem Holz und modrigen Blättern ein. Wo vermag man sonst besser Kraft und Zuversicht auftanken, wenn nicht im für Heilung sorgenden Wald?

Das Karussell in meinem Kopf dreht sich immer weiter, so als wäre eine Sicherung durchgebrannt und anhalten nicht mehr möglich. Ich sitze auf dem weißen, geschnitzten Holzpferd und reite wie Don Quichote mit stümperhafter Ausrüstung in eine noch ungewisse Zukunft. Der Herbst des Lebens umfängt mich wie ein schützender Nebelschleier, den die zaghafte Braut noch nicht lüften möchte. Zu verlockend ist es, darunter verborgen zu sein und darauf zu warten, was unvermeidlich ist.

Jeder Lebensabschnitt birgt neue Abenteuer, die, auch wenn sie zuerst nur in den hintersten Winkeln unseres Kopfes brodeln, ans Licht des Tages drängen und erlebt werden möchten. Wie ein Seiltänzer, der die Balance nicht außer Acht lassen darf, setze ich einen Fuß vor den anderen auf das dünne Seil, in der Hoffnung, nicht abzustürzen. Ich suche Halt und verinnerliche die bunten Farben meiner Lebensgeschichte. Verfange mich in den glitzernden Spinnfäden, die plötzlich auf meinem Lebensweg im hellen Licht sichtbar werden. Mühelos streife ich sie ab, nur um später zu erkennen, dass ihr Sinn darin bestand, mich aufzufangen. So wie das Netz Akrobaten davor bewahrt, am harten Boden der Realität aufzuprallen, spinne ich meinen eigenen Kokon, um mich in der anschließenden Metamorphose neu zu erfinden.

In der Zwischenzeit bauscht eine sanfte Brise die Kronen der Bäume, wiegt sie liebevoll wie eine Mutter ihr geliebtes Kind. Bunte Drachen schrauben sich in den Himmel, drehen Pirouetten im Sphärenballet. Formierte Vogelschwärme ziehen schon in den Süden, sind im symbolhaften Aufbruch begriffen. Nehmen mit sich die Leuchtkraft der letzten, warmen Tage, die ich noch rasch inhaliere, förmlich einsauge, um für das, was auch immer kommen mag, gewappnet zu sein.

Herzlichen Dank an Ilona Frey für die herbstliche Stimmung!

© Silvia Peiker 2021-10-07

Herbst

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