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#alltagsheldinnen

Max und Moritz

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Max und Moritz | story.one

Meine Tante arbeitete bis zu ihrer Pensionierung als Kindergartenassistentin in einem Kindergarten der Gemeinde Wien. Meistens war sie in der Krippe eingeteilt, da sie zu den Kleinen einen guten Draht hatte und ihr der Ruf, eine fĂŒrsorgliche Seele zu sein, vorauseilte.

Einmal betreute sie einen kleinen Buben, der stets zu Wochenbeginn mit wundem, knallroten Popo von seinen Eltern in die KindertagesstÀtte gebracht wurde. Sogleich setzte sie das arme Kerlchen in ein Bad mit wohltuender Kamille, trug eine Heilsalbe auf und versah ihn mit einer frischen Windel.

Tante Maria und ihre Kolleginnen konnten sich keinen Reim darauf machen, warum das arme Kind Woche fĂŒr Woche mit dem gleichen, schmerzhaften Problem zu kĂ€mpfen hatte. Bis meine engagierte Tante auf die Idee kam, die letzte Windel am Freitagnachmittag mit einem kleinen schwarzen X zu markieren. Und siehe da, am Montagmorgen trug das arme Wesen noch immer dieselbe nasse Windel!

In Folge wurde dann das Jugendamt verstĂ€ndigt, das ein ernstes GesprĂ€ch mit den Eltern fĂŒhrte, mit der Auflage, den Sohn angemessen zu versorgen. Manche Kinder waren wirklich besser im Kindergarten aufgehoben, als im eigenen Elternhaus. Im Gemeindekindergarten gab es leider immer wieder SozialfĂ€lle, die die Notstandshilfe lieber im Wirtshaus verjubelten, als Windeln fĂŒr das eigene Kind zu besorgen.

Als sie in der damals sogenannten Mittelgruppe, in diese wechselten die Kleinsten nach der Krippe, ihren Dienst versah, war es nur in diesem Wiener Kindergarten ĂŒblich, dass die Kinder einmal im Monat gewogen und gemessen wurden. Da fiel es Tante Maria auf, dass der zweijĂ€hrige Leo, der zwar ein BĂ€uchlein wie Max und Moritz vor sich hertrug, so als hĂ€tte er Witwe Boltes gebratene HĂŒhner verspeist, schon lĂ€ngere Zeit nicht an KörpergrĂ¶ĂŸe gewonnen hatte. Sein Appetit auf alles Essbare war vergleichbar mit einem alles verschlingenden Staubsauger, da er sogar die Reiskörner unter dem Tisch aufpickte, die den anderen Kindern beim zuweilen noch ungelenken Gebrauch des Bestecks vom Teller rutschten. Carina, die oft lustlos in ihrem Essen herumstocherte, weil sie daheim und auch im Kindergarten heimlich die Naschlade plĂŒnderte, stibitzte er sogar mehr als einmal die Wurst oder das StĂŒck Fleisch vom Teller, wenn keiner hinsah.

Da meine Tante auch zu den Eltern ein gutes VerhĂ€ltnis hatte und die PĂ€dagogin schwierige GesprĂ€che mit Erziehungsberechtigten scheute, oblag es ihr, Leos Eltern darauf hinzuweisen, dass eine mögliche Wachstumsstörung vorliegen könne. Und siehe da, die Untersuchung im AKH bestĂ€tigte Tante Marias Verdacht, das Kind war kleinwĂŒchsig. Leos Wachstum konnte jedoch noch rechtzeitig - in einem solchen Fall ist rasches Handeln erforderlich - mit Hormonen angekurbelt werden!

Dank Tante Marias detektivischem SpĂŒrsinn und EinfĂŒhlungsvermögen konnte auch Carinas Essstörung beseitigt werden und Leo wuchs bald zu einem großen, jungen Mann heran!

© Silvia Peiker 2021-01-12

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