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#kindheitserinnerungen

Mein Lenz

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Mein Lenz | story.one

Das alte Postmeisterhaus mit seinen dicken ZiegelwĂ€nden und hohen Decken aus dem 17. Jahrhundert war 19 turbulente Jahre mein Zuhause. Ich erinnere mich an lachende Kinderstimmen, an ein murmelndes GeplĂ€tscher aus den volltönenden, heiseren, kehligen, sanften, rauchigen, hellen und dunklen Stimmen meiner Verwandten, und diese strömten an den Wochenenden in großen Scharen bei Schönwetter in unseren großen Garten.

Da gab es die Familie meines Onkels Fredi, der mit dritter Ehefrau, meiner Tante Maria, samt Kind und Kegel mit dem eigenen Taxi aus Wien anreiste. Unseren Freunden fielen die Augen beinahe aus den Augenhöhlen, als er meine Freundin Gusti und mich, beide gekleidet in schicke Ballroben, im Februar zum Ball der katholischen Jugend chauffierte. Ich denke, wir waren die einzigen BallgĂ€ste, die die kurze Wegstrecke von unseren WohnhĂ€usern zum Volkshaus nobel mit dem Taxi Ă  la Noblesse oblige zurĂŒcklegten. Heim stöckelten wir natĂŒrlich im Morgengrauen wieder auf Schusters Rappen.

Ich erinnere mich an hitzige Kartenrunden. In der gemauerten, schattigen Laube wurde nĂ€mlich mit großer Leidenschaft Tarock gespielt. Einsatz waren 10 Groschen, das konnte sich jeder leisten und beflĂŒgelte auch dazu, waghalsige Aktionen, wie Kontra geben oder einen Solo ansagen, auszuprobieren. Mein Vater konnte sehr gut bluffen und brachte seine Spielpartner*innen meist mit seinem schlechten Blatt zur Verzweiflung. Opa wiederum merkte sich erstaunlicherweise jede einzelne der 40 Karten, die schon ausgespielt worden waren und hatte dadurch einen Vorteil den anderen Spieler*innen gegenĂŒber, wenn sich die Runde dem Ende zuneigte. So sog ich die Begeisterung fĂŒr Gesellschaftsspiele quasi mit der Muttermilch ein.

Immer wieder taucht als lebhafte Kindheitserinnerung meine Cousine Petra auf, die gemeinsam mit ihren Eltern im mittleren Teil des u-förmigen Hauses lebte. Der jĂŒngere Bruder meines Vaters brachte mir die Grundbegriffe des Schachspielens bei und seine Frau, die aus dem MĂŒhlviertel stammte, prĂ€gte meinen weinviertlerischen Wortschatz mit oberösterreichischen Dialektbegriffen wie Dirndl, womit sie mich und ihre Tochter bezeichnete. Meine Großeltern bewohnten mit der jĂŒngeren Schwester meines Vaters, die meine Theaterleidenschaft durch MĂ€rchenvorstellungen im Raimundtheater weckte, drei Zimmer an der Straßenfront. Meine Eltern, meine jĂŒngere Schwester und ich waren im hinteren Teil des zum Wohnhaus umfunktionierten GebĂ€udes anzutreffen.

Alle drei Schwestern und der Bruder meiner Großmutter waren gern gesehene GĂ€ste, und Onkel Rudi und seine Frau Anna mischten an den Wochenenden beim Kartenklopfen oder Mensch-Ärgere-Dich-Spielen krĂ€ftig mit.

Ich erinnere mich an ein heimeliges Beziehungsgeflecht, das sich im Lauf der Jahre selbst entwirrt hat. Beziehungen verĂ€ndern sich, aus Eltern werden Großeltern, Kinder wachsen heran und verlassen das Nest.

Ich erinnere mich


© Silvia Peiker 2022-04-22

Kindheitserinnerung FrĂŒhling

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