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#verboteneorte

Mutprobe am verbotenen Ort

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Mutprobe am verbotenen Ort | story.one

Verwunschene Schlossgärten finden sich meist zwischen den Seiten von Märchenbüchern, fern von jeglicher Realität, umrankt von Dornengestrüpp und umweht vom verführerischen Duft der Rosen. Stets umgibt diese, vor den neugierigen Blicken des gemeinen Volkes versteckten, lustwandlerischen, kiesbestreuten Pfade und in Geometrie und Harmonie erstarrten Blumenrabatte eine hohe Mauer aus Stein, solide und fest den Jahrhunderten trotzend.

Vor solch einer verwitterten Mauer, gefügt aus unregelmäßig gehauenem Ziegelwerk, standen Gusti und ich am Rande des verschlafenen Bauerndorfes. Die brütende Julisonne versengte unbarmherzig die im Windsog des Weinviertels wogenden Maisfelder und ließ die Trauben in den nahen Weingärten zum reschen Veltliner heranreifen. Wir beide hatten jedoch nur eines im Sinn: eine Mutprobe.

Unsere Klappräder hatten wir unter dem struppigen Strauchwerk, das im Schatten n der Schlossmauer sein kärgliches Dasein fristete, verborgen. Gusti kannte, so wie die meisten Dorfbewohner, die gräfliche Familie von Dorffesten, war auch schon im Schloss bei einer privaten Führung dabei gewesen. Nun wollte sie mir den Park des Schlosses zeigen, das jedoch ohne Wissen der Hochwohlgeborenen.

Mithilfe einer Räuberleiter erklomm ich die Schlossmauer und zog meine zarte Freundin zu mir hoch. So leise wie möglich kletterten wir in die englische Gartenanlage hinunter, wobei wir hervorstehende Ziegel als Steighilfe nützten und uns an den knorrigen Ästen der alten Eichen festhielten. Eine großzügige Rasenfläche, hohe Bäume, blühende Sträucher und symmetrische Blumen- und Gemüsebeete standen im Kontrast zu den meist barocken Gärten der Habsburger und vereinten die Natürlichkeit der Flora mit gärtnerischer Finesse.

Immer wieder blickte ich ängstlich zu den stummen Fenstern des dreigeschoßigen Gebäudes, die uns Augen gleich anzustarren schienen, hoch. Das dunkelgrüne Blätterkleid des Efeus schlängelte sich an der ehemaligen Wasserburg, der es um 1800 nach einem Umbau zu einer Veste gelang, die angreifenden Osmanen abzuwehren, hinauf in luftige Höhen.

Wir waren in den hinteren Teil des Parks eingestiegen und nur wenige Schritte trennten uns von der gemauerten Gruft, wo die toten Bewohner der einstigen Fluchtburg ihre letzte Ruhestätte fanden. Hätte ich damals geahnt, welch schreckliche Tragödie sich 40 Jahre später in den Innenräumen des Herrschaftssitzes abspielen würde, wäre ich dieses Wagnis gewiss nicht eingegangen. Im Dezember 2018 feuerte der Sohn des Altgrafen mit einer Schrotflinte tödliche Schüsse auf seinen betagten Vater, seine Stiefmutter und seinen jüngeren Bruder im Schloss ab. Kurzschlüsse, die die Welt für immer verändern.

Die hellen Sonnenstrahlen tauchten Gustis blonden Haarschopf in goldenes Licht und brachen sich an den blitzenden Fensterscheiben des stillen Gemäuers. Der Tagebucheintrag pinselt das verloren gegangene Bild des Teenagers wieder neu.

© Silvia Peiker 2022-03-28

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