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#mütterundtöchter

Mütter sind einfach unersetzlich

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Mütter sind einfach unersetzlich | story.one

Der erste Eintrag in meinem Stammbuch stammt von meiner lieben Mutter:

Üb' immer treu und Redlichkeit bis an dein kühles Grab, und weiche keinen Finger breit von Gottes Wegen ab.

Diesen wohlgemeinten Spruch hat sie in ihrer wunderschönen Handschrift, mit der sich meine Klaue niemals matchen konnte, mit blauer Tinte auf die erste, weiße Seite meines nagelneuen Freundschaftsbuches geschrieben. Auch die himmelblauen Blumen hat sie in meiner Lieblingsfarbe mit ihrer Füllfeder aufs jungfräuliche Blatt gezaubert.

Ich kann mich noch sehr gut an den Zeichenunterricht in der Unterstufe erinnern. Meine Lehrerin war Mamas beste Freundin und ich, die bis heute keine Gesichter hinbekomme, hatte stets ein Sehr Gut in Bildnerischer Erziehung, und das nur, weil Mama versiert Augen, Nasen und Münder in meine stümperhaften Skizzen malte, was meinen Zeichnungen einen fürs Auge wohlgefälligen Anstrich verlieh. Mithilfe von Mamas kreativem Händchen schumnelte ich mich durch alle vier Schuljahre, sogar Nofretetes edles Konterfei wurde von meiner geduldigen Mutter von einem Kunstbuch akribisch abgezeichnet und anschließend von mir in einer Collage mit allerlei ausgeschnitten Zeitungsschnipseln, die meine Wünsche an die Zukunft symbolisieren sollten, zugekleistert.

Mama hat über 40 Jahre lang mehr als 40 Stunden fünf Tage die Woche im Büro gearbeitet. Sie pendelte von Montag bis Freitag drei Stunden täglich mit der Schnellbahn und der Straßenbahn von Niederösterreich nach Wien und kam meist erst gegen 18:30 Uhr mit schweren Einkaufstaschen bepackt nach Hause. Dann hat sie gekocht und händisch Geschirr abgewaschen. Am Wochenende musste mit dem Fahrrad oder im Winter zu Fuß eingekauft, die Wäsche gemacht, gebügelt, Familie, Verwandte und Haustiere versorgt sowie Haus und Garten gepflegt werden. Bis tief in die Nacht hinein hat sie mich todmüde Vokabeln abgeprüft oder meine Zeichnungen verbessert. Ich durfte immer, sehr zum Leidwesen meiner Großmutter, die mich in der Früh kaum aus den warmen Bettlaken bekam, lange aufbleiben und mit Mama, nachdem ich beim Geschirrspülen geholfen hatte, fernsehen. So wurde ich zum Krimi- und Science -Fiction -Fan, wobei ich insistieren muss, dass Der Kommissar und Raumschiff Enterprise, gemessen an den heutigen Filmen, als jugendfrei durchgehen würden. Das waren dann unsere schönsten gemeinsamen Mama-Tochter- Stunden, denn Papa ging stets mit den Hühnern schlafen. Und am nächsten Morgen schreckte dann der unarmherzige Wecker Mama, die kein early bird ist, um 5:15 aus den Federn. Nachdem meine Schwester geboren wurde, hat sie noch neben all ihren vielen Pflichten ihre demente Mutter bis zu deren Tod gepflegt.

Bei einer Umfrage habe ich dafür gestimmt, dass jeder Tag Muttertag ist. Mütter hören niemals auf, Mütter zu sein, egal wie alt die eigenen Kinder sind, dieser Job ist ein unbezahlter Knochenjob.

Liebe Mama, ich bin dankbar, dass es dich gibt, und das bitte noch lange. ❤

© Silvia Peiker 2022-05-08

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