skip to main content

#musik#everydaystorysalltagsgeschichten

Pizzicato

  • 122
Pizzicato | story.one

Groteske, mit reichlich Nass gefüllte Gebirge türmen sich am fahlen Himmel, während die Räder des Kombis am Schild, das das Ortsende mit einem dicken Querstrich über den fettgedruckten Buchstaben meiner Heimatstadt ankündigt, zielstrebig vorbeirollen. Mit drei Kindern und einer Dreiviertelgeige im Schlepptau steuere ich mitten in die Ouvertüre hinein. Während grelle Blitze die düstere Weltuntergangssinfonie in ihr schauriges Licht tauchen, kündigt über unseren Köpfen unheimliches Donnergrollen, Paukenschlägen gleich, den nahen Regenguss an.

Autofahren im Regen wäre nicht so anstrengend, wenn nicht die Vorboten des Gewitters die Stimmung der Kids im Autoinneren von fröhlich ausgelassen auf ängstlich angespannt umgewandelt hätte. Schwere Tropfen trommeln ein Stakkato auf die Motorhaube und zusätzlich sorgen die warmen Maitemperaturen dafür, dass sich eine dichte Dunstglocke über die näherkommende Ortschaft legt. Bevor wir noch die Ortstafel von Bad Pirawarth erspähen, können die Scheibenwischer die Wassermassen kaum noch von der Windschutzscheibe fegen.

Die alte Wehrkirche, unser Ziel, soll laut Geigenlehrer auf einer Anhöhe ruhen, ist jedoch bei diesen Witterungsverhältnissen nicht auszumachen. Ich kann die Häuser der Hauptstraße nur schemenhaft erkennen, muss mich darüber hinaus auch noch auf die unbefestigte, matschige Fahrbahn konzentrieren, deren Asphaltschicht infolge Aufgrabungsarbeiten zur Gänze fehlt.

Bei der Schneckentempofahrt glaube ich den hellen Golf einer guten Bekannten vor mir zu erkennen, die ihren Sohn so wie ich meine Tochter zur Probe für das Geigenkonzert am Wochenende kutschiert. Zuversichtlich folge ich Christas Wagen auf der engen Straße einen Hügel hinauf, jedoch oben angekommen kann ich weit und breit kein Gotteshaus entdecken. Es gießt noch immer in Strömen, wir beratschlagen uns kurz und schlängeln uns vorsichtig wieder auf dem pitschnassen Weg zum Ortskern hinunter.

Wie durch ein Wunder kommt uns am Fuß des Hügels ein wetterfester Einheimischer entgegen, der uns zur richtigen Anhöhe lotst. Alle springen erleichtert aus dem Auto, ich packe den Geigenkasten und wir eilen ins Innere der Kirche, wo der Dirigent schon ungeduldig auf die beiden Streicher seines Ensembles wartet.

Gemeinsam mit den anderen lauschen wir zuerst den feierlichen Klängen von Ignaz Pleyels Missa solemnis D-Dur im Gedenken an den talentierten, niederösterreichischen Komponisten. Beschwingt geht's weiter mit Vivaldis Le quattro stagioni, das bald von den dicken Steinwänden des barocken Lang- und Mittelschiffes widerhallt. Unsere Tochter, deren Wunsch es war, im Alter von sieben Jahren Violine zu lernen, darf bereits bei den ersten Geigern den Bogen schwingen.

Am Pfingstsonntag bringen die Nachwuchsgeiger*innen von Pizzicato den festlich geschmückten Innenraum der Kirche zum Klingen, während die Sonnenstrahlen fröhlich auf den runden Bogenfenstern tanzen.

© Silvia Peiker 2021-07-07

Kommentare

Gehöre zu den Ersten, die die Geschichte kommentieren

Jede*r Autor*in freut sich über Feedback! Registriere dich kostenlos,
um einen Kommentar zu hinterlassen.