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#haut

Rotkehlchenrettung

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Rotkehlchenrettung | story.one

Wir waren erst vor kurzem in unser mit reichlich Muskelschweiß erbautes Haus eingezogen, als wir an einem lauen Frühlingsabend von der Arbeit heimkehrten. Obwohl wir den Innenbereich bereits wohnlich ausgestattet hatten, fehlte außen noch die Fassade. Die letzten Strahlen der Abendsonne beleuchteten die orangefarbenen Wienerbergziegel und das Drama, das sich unmittelbar vor unserer Eingangstür abspielte.

Rasch erklommen wir die paar Stufen, die uns vom Treppenabsatz trennten. Auf der noch nicht verfliesten betonierten Schwelle unseres Hauses lag ein kleiner Piepmatz, nur wenig Flaum bedeckte seinen zarten Körper. Der Kleine war offenbar aus dem mit Zweigen, Moos und Gräsern zusammengefügten Nistplatz, den seine Eltern, ein Rotkehlchenpärchen, mit großem Geschick im unverputzten Ziegelwerk unserer Fassade in einer Ecke über der Haustür eingerichtet hatten, auf den harten Betonboden geplumpst. Im Nest war der Nachwuchs zwar vor jeglichen Witterungskapriolen bestens geschützt, es bot aber leider keinerlei Schutz davor, aus dem Gelege herauszufallen.

Während die Geschwister des Pechvogels aufgeregt in luftiger Höhe piepsten, beeilte ich mich, einen Schuhkarton aus dem Haus zu holen, in den ich ein paar weiche Blätter von der Küchenrolle legte, um den armen Tropf darauf zu betten. Rasch ging’s zurück zum Auto und schon sausten wir mit dem verunglückten Vogelkind auf dem Schoß in die nahe Tierklinik unseres Heimatortes.

Der kleine rote Fleck auf der Brust des Jungvogels hob und senkte sich ängstlich, als der erfahrene Tierarzt seinen zerbrechlichen Körper begutachtete. Außer einem offensichtlichen Beinbruch konnte er jedoch keine weitere Verletzung feststellen und so machte er sich daran, das hauchdünne Beinchen zu schienen. Ich konnte kaum hinsehen, ich litt mit dem armen Wesen mit. Aber der beste aller Väter, der schon immer gern Medizin studiert hätte, beobachtete die geschickten Hände des Doktors sehr genau.

Völlig unerwartet, quasi von einem Moment auf den anderen, kippte der Mitfühlendste aller Väter um, stürzte zwar nicht aus dem Nest, dafür aber der Länge nach auf den weißen Fliesenboden der Tierarztpraxis. Im letzten Augenblick konnte er sich am Behandlungstisch, auf dem dem Patienten ja gerade geholfen wurde, festhalten, denn sonst wäre er mit dem Kopf voran auf die unnachgiebigen Keramikfliesen geknallt.

Was für ein Schreck! Doch abgesehen von ein paar blauen Flecken war alles an ihm heil geblieben. Während ich die Rechnung bezahlte, nippte der menschliche Verunglückte am Schnaps, den er vom Arzt kredenzt bekommen hatte.

Daheim legten wir das Vögelchen wieder vorsichtig zurück ins Nest, in der Hoffnung, dass es bald wieder genese. Der Tierarzt hatte uns jedoch vorgewarnt, dass herausgefallene Jungvögel nicht überlebensfähig wären. Leider sollte er recht behalten, denn schon am nächsten Tag entdeckten wir das leblose Vogelkind wieder auf den Stufen vor unserem Hauseingang.

© Silvia Peiker 2020-11-15

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