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#1sommer1buch

Squaw mit Kriegsbemalung

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Squaw mit Kriegsbemalung | story.one

In der letzten Schulwoche ratterten wir von der Volksschule Lavantgasse mit dem Bus zur Jedlerseer Straße, um dort in den Auen beim Marchfeldkanal heimische Tiere zu beobachten und Vogelnester zu bauen. Hoch auf einem Ast einer Akazie thronend konnten wir eine Ringeltaube entdecken, deren kehliges Gurren uns ein StĂŒck des Weges begleitete. Auf der anderen Seite des ausgetretenen Pfades streckte eine gewaltige Linde ihr breites BlĂ€tterdach dem blauen Himmel entgegen. WĂ€hrend unsere Rangerin Bettina auf die wohltuenden HeilkrĂ€fte des LindenblĂŒtentees gegen hohes Fieber hinwies, wirbelten die zarten, hellbraunen BlĂŒten des Baumes aufgrund des immer krĂ€ftiger werdenden LĂŒftchens wie zarte Propeller um uns herum und verfingen sich in unseren Haaren.

Bald schon liefen wir durch eine Allee voll mit rot leuchtenden WeichselbĂ€umen, deren reife FrĂŒchte zum Naschen einluden. Mit großer Begeisterung pflĂŒckten sĂ€mtliche Naschkatzen die saftigen FrĂŒchte von den tief herabhĂ€ngenden Ästen, um sie gleich auf der Stelle zu verzehren.

Ein paar Burschen probierten sogleich aus, wer die Weichselkerne wohl am weitesten spucken könne. Stefan und Moritz lieferten sich ein wildes Duell, was schließlich damit endete, dass ein Kern mitten in Stefans Gesicht landete. Sein Schluchzen war meilenweit zu hören, war er doch der Ansicht, dass sein Schulkollege ihn absichtlich angespuckt hatte. Ob Absicht oder nicht, Marvin musste sich entschuldigen, obgleich er vehement seine Unschuld beteuerte.

Plötzlich riefen Fabian und Anna mit aufgeregter Stimme: "Komm schnell, wir mĂŒssen dir etwas zeigen!"

Rasch eilte ich zu den staunenden Schulkindern meiner Gruppe, die sich gerade an den sauren FrĂŒchten delektierten. Unter dem fĂ€cherartigen BlĂ€tterdach des wilden Obstbaumes erspĂ€hte ich mit großer Verwunderung ein Kind meiner Gruppe, das sich wĂ€hrend unserer kurzen Rast in eine Pocahontas mit Kriegsbemalung verwandelt hatte. Zwischen den grĂŒnen BlĂ€ttern des Baumes guckten mich aus einem mit Weichselsaft verschmierten, knallroten, runden Gesicht zwei große, dunkelbraune Augen verschmitzt grinsend an.

Schmunzelnd rief ich unserer stets einfallsreichen Marina zu: "Da hat sich wohl eine Indianerin in den Weichseln verirrt!"

Marinas rote Flecken und ihr langer, dunkelbrauner Pferdeschwanz ließen die kleine Naschkatze wie ein waschechtes IndianermĂ€dchen aussehen. Warum sich die SchĂŒlerin ihr hĂŒbsches Gesicht mit dem Saft der sauren FrĂŒchte eingerieben hatte, wird wohl niemals geklĂ€rt werden...

Bettina meinte vergnĂŒgt, sie könne sich den klebrigen Saft am Weiher des nahen Marchfeldkanals abwaschen und wir mĂŒssten kein kostbares Trinkwasser vergeuden, das wir doch wegen der Saharahitze dringend benötigten, um unseren Durst zu stillen. Mit lautem Kriegsgeheul stĂŒrmten die Kinder dann zum nahen GewĂ€sser, wo Marina das Kriegsbeil begrub und den nĂ€chsten Schabernack ausheckte.

© Silvia Peiker 2020-09-20

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