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#abenteuer#angst

Stormy weather

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Stormy weather | story.one

Aufgeregtes Geschnatter, so als watschle eine Herde Gänse durch die Abflughalle. Gustis und mein erster Flug lässt unsere Herzen höher schlagen, es ist unvorstellbar für unsere nur beschränkt technisch affinen Synapsen, wie dieses mit Kerosin gefüllte, geflügelte Ungetüm von British Airways, das schon geduldig auf dem Flugfeld auf uns wartet, sich einem Adler gleich federlos in die Lüfte schrauben kann. Und wir mitten drin, in der hintersten Reihe, verschluckt wie einst Jona, im stählernen Bauch des aerodynamischen Flugriesen.

Wir reisen jedoch nicht zu zweit, sondern als kleine Gruppe, denn meine Schulfreundin Liesi, ihre ältere Schwester Moni und deren Schulkollegen Joe und Andie, die alle drei das TGM besuchen, sind mit von der Partie. Alle sind wir bestrebt, unser Englisch im Schoße einer britischen Familie im beschaulichen Städtchen namens Littlehampton an der Südostküste Englands aufzupolieren. Natürlich wollen wir auch unsere Zehen in den kühlen Atlantik tauchen und den vielzitierten British humour samt Culture und Queen hautnah erleben.

Gusti und ich, die Fluggreenhorns, sehen fasziniert aus dem kleinen Fenster, als die Maschine immer schneller über die Piste rollt, plötzlich abhebt und wie durch Zauberhand zuerst unter der Wolkendecke schwebt, um schließlich stetig höher zu steigen und im weißen Meer aus feinsten Aerosolen und Wasserdampf einzutauchen. Ich habe zwischen meinen beiden Freundinnen den undankbaren Platz in der Mitte ergattert. Liesi leidet sehr unter dem Druck in ihren Ohren und zerkaut verzweifelt eine Packung Kaugummi, während ich mich bemühe, Gustis und meine Nervosität durch Pläneschmieden in den Griff zu bekommen.

Unser luftiges Abenteuer hat gerade erst begonnen, doch wir haben die Rechnung ohne den launischen Zeus gemacht, der seine Miesepetrigkeit bald durch unheimliches Donnergrollen und grelle Blitze kund tut. Dazwischen blinkt “Fasten the seat belt” gespenstisch auf. Angsterfüllt kauern wir auf unseren Plätzen, von denen wir wie in der Hochschaubahn im Prater beinahe hochkatapultiert werden, wäre der Sicherheitsgurt nicht gewesen. Die vollbesetzte Maschine sackt plötzlich ab und dank der Schwerkraft plumpsen wir wieder in unsere Sitze zurück.

So wie schon Lewis Carrol seine Protagonistin Alice ins Kaninchenloch stolpern lässt, so zieht ein unsichtbarer Puppenspieler an unseren Fäden und wir stürzen scheinbar ins Bodenlose, nur dass der Fall wie bei Alice endlos lang, aber der Boden zu unserem Glück doch noch weit entfernt ist. Schreie hallen durch den Rumpf des Stahlvogels, mein eigener erstickt im Keim.

Der fad schmeckende Kaffee schwappt über unsere Füße, die Becher kullern unter die Sitze. So ist es, wenn man abstürzt, pulsiert es beim nächsten Luftloch in meinen Gedanken. Regentropfen perlen von der Fensterscheibe, wir halten einander an den Händen und beten.

Nach einer gefühlten Ewigkeit Happy Arrival in Heathrow, die Erde hatte uns wieder.

© Silvia Peiker 2022-05-06

unvergessliche ReisenFenster

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