skip to main content

#elternleben

Trotzkopf

  • 159
Trotzkopf | story.one

Hysterisches Weinen, verzweifelte Schluchzer, die Mark und Bein erschüttern. Erboste Blicke wandern in unsere Richtung, ich registriere ungläubiges Kopfschütteln, das uns als Rabeneltern in Grund und Boden zu stampfen scheint. Warum schreit denn ihr Kind so? Im Prätext schwingt noch: Könnt ihr den Schreihals nicht bändigen, wie unfähig können Eltern nur sein?

Obwohl ich den Trotzkopf von Emmy von Rhoden in jungen Jahren verschlungen habe, hätte ich mir nie im Traum ausmalen können, wie hart die Realität zurückschlagen würde, als unser drittes Kind eine recht ausgeprägte Trotzphase durchlebte. Diese traf uns wie ein Wirbelwind und gipfelte in Schreitiraden mit Auf- den-Boden-werfen. Und unserer Kleinen war es völlig schnuppe, dass sie sich auf den dreckigen, harten, unnachgiebigen Asphalt schmiss und ihre Stirn vehement dagegen schlug. Gutes Zureden half da gar nichts, auch festgehalten wollte sie unter keinen Umständen werden. So blieb mir nur eines übrig, nämlich die Hand unter ihre Stirn zu legen, damit sie sich nicht verletzte.

Da war guter Rat teuer und Gespräche mit einer verständnisvollen Kinderärztin führten den besten aller Väter und mich schließlich zu Brigitte Sindelar. Die österreichische Koryphäe der Psychoanalyse hatte den richtigen Riecher und sandte uns zum Hörtest, um ein Defizit auf diesem Gebiet auszuschließen. Bingo, die nach Viktor Adler ausgebildete Individualpsychologin hatte ins Schwarze getroffen.

Der Gehörgang unseres Nesthäkchens musste sich aufgrund mehrerer Ohrentzündungen verlegt haben. Diese sogenannten Paukenergüsse hatten auditive Probleme verursacht und das war auch der Grund, warum sie eine eigene Sprache, die Außenstehende weder deuten noch verstehen konnten, entwickelt hatte. Ich wusste aufgrund meiner pädagogischen Ausbildung, dass Kleinkinder mit Sprache experimentieren. Deshalb hatte ich mir auch keine Sorgen um meine Jüngste gemacht und ihr angeborene, sprachliche Experimentierfreude zugeschanzt. Denn der Hörtest, der gemäß Mutter-Kind-Pass vorgeschrieben gewesen war und den die Kinderärztin durchgeführt hatte, war bei der Kontrolluntersuchung unauffällig ausgefallen.

So starteten wir ein von der Fachärztin entwickeltes Trainingsprogramm gegen Teilleistungsschwächen, das sich Auditive Figurgrund-Differenzierung nennt. Dabei soll der Patient Wörter einer CD, die in keinerlei Zusammenhang zueinander stehen, nachsagen, wobei ein Elternteil überprüft, welche Begriffe richtig nachgesprochen werden und wo es noch Verbesserungspotenzial gibt. Diese Konzentrationsübung fördert die Aussprache und natürlich das Hörvermögen.

Zuvor musste jedoch die Flüssigkeit, die den Gehörgang blockierte, bei einer Operation entfernt werden. Doch jede neue Infektion verschlechterte das Hörvermögen erneut. Auf Dauer halfen unserer Kleinen homöopathische Globuli und die Trotzanfälle gehörten bald der Vergangenheit an.

© Silvia Peiker 2022-06-14

Kommentare

Gehöre zu den Ersten, die die Geschichte kommentieren

Jede*r Autor*in freut sich über Feedback! Registriere dich kostenlos,
um einen Kommentar zu hinterlassen.