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#kunst

True Lies

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True Lies | story.one

Dieses Mal lasse ich mich unter den riesigen schattenspendenden Sonnenschirmen nieder. Eigentlich ist das Ziel meiner City Tour Xenia Hausners Ausstellung “True Lies” in der Albertina, aber meine Freundin verspĂ€tet sich. So ĂŒberbrĂŒcke ich die Wartezeit mit einem Cappuccino und schreibe diese Story.

Der charmante Kellner vom CafĂ© Mozart begrĂŒĂŸt mich wie eine alte Bekannte, da fĂŒhle ich mich gleich heimelig. Das letzte Mal weilte ich bei Regenwetter im historischen Ambiente des Kaffeehauses, jetzt weht mir ein willkommenes, leichtes LĂŒftchen bei hochsommerlichen Temperaturen um die Nase. Freche Spatzen hĂŒpfen auf der Suche nach Essensresten zwischen den Tischen herum.

WĂ€hrend Tourist*innen gemĂ€chlich vorbeiflanieren, stelle ich amĂŒsiert fest, dass ich selbst zum Betrachtungsobjekt mutiere. Neugierige Blicke beobachten mich beim Kaffeetrinken, mustern interessiert mein Sommerkleid, meine hochgesteckte Frisur. Eine hĂŒbsche Blondine im modischen BlĂŒmchenoutfit lĂ€chelt mich durch die herzförmig geschnittenen, rosa GlĂ€ser ihrer Sonnenbrille an. Ich beĂ€uge unterdessen das zerfurchte Gesicht von Alberto Giacometti, dessen Foto ĂŒber dem imposanten Eingangsbereich des Museums prangt und auf die SchwarzweißportrĂ€ts von KĂŒnstlern des bereits verstorbenen Fotografen Franz Hubmann aufmerksam machen soll.

Im angenehm gekĂŒhlten Untergeschoss des Palais begegnen wir Hausners farbenfrohen, auf riesigen DibondflĂ€chen gemalten Bildern. Die ausgebildete BĂŒhnenbildnerin ist es gewohnt, auf ĂŒberdimensionalen LeinwĂ€nden zu malen. Ich google Dibond und finde heraus, dass es sich um Platten aus Aluminium und Polyethylen handelt.

Mit dem griechischen Wort Xenia kann man entweder Fremde oder Gastfreundschaft assoziieren. Wir fĂŒhlen uns auf jeden Fall willkommen und erfreuen uns an der Leuchtkraft der großflĂ€chig aufgetragenen Farben. Die IntensitĂ€t der perfekt ausgefĂŒhrten Gesichter der dargestellten Figuren nimmt uns vollends gefangen. Man spĂŒrt, dass die KĂŒnstlerin all ihre Emotionen und Energie in ihre GemĂ€lde gesteckt hat, was vor allem ihre SelbstportrĂ€ts mit den Titeln VORHER und NACHHER untermauern. Auf dem ersten Bild studiert Xenia nachdenklich die Farbpalette und Pinsel, die vor ihr liegen, wĂ€hrend sie auf dem zweiten GemĂ€lde splitterfasernackt vor den Farbresten posiert.

UnermĂŒdlich weist die Malerin in ihren Werken auf MissstĂ€nde hin, wie etwa auf die Wohnungsnot in Hongkong, die Ă€rmere Bevölkerungsschichten zwingt, in menschenunwĂŒrdigen, aufeinandergestapelten Sargboxen zu hausen, deren WohnflĂ€che auf lediglich zwei Quadratmeter begrenzt ist.

Fasziniert lese ich Xenia Hausners Statement:

“Es gibt eine Sehnsucht nach Eindeutigkeit, nach Gewissheit, an der man sich orientieren kann. Das nennt man dann Wahrheit. Wir alle leben mit unseren jeweiligen Annahmen der Wirklichkeit. [
] Über die Fiktion der Kunst lernen wir die Welt besser verstehen."

Foto: Cage People

© Silvia Peiker 2021-07-16

Von der Muse gekĂŒsstKunstFeuerchen — KĂŒnstlerKolonie

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