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#alltagshelden

Und ich wollte noch Abschied nehmen

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Und ich wollte noch Abschied nehmen | story.one

Ein unangenehmes, alles durchdringendes Piepsen durchdringt die Stille, unterbrochen von schwerfälligen Atemgeräuschen. Ein einsamer Mensch, verbunden mit unzähligen Schläuchen und Beatmungsgerät, ruht unbeweglich auf dem Krankenlager, das er nicht mehr lebend verlassen wird. Seine Tochter, nahezu unkenntlich gemacht durch Schutzkleidung, Maske und Brille, ergreift noch ein letztes Mal mit ihren behandschuhten Fingern die noch warme Hand des Vaters. Spricht ein paar tröstende Worte, verabschiedet sich von ihm.

Onkel Herbert hat bis zu seiner Pensionierung als Werkstattleiter in einer Autowerkstatt in Wien Fahrzeuge gewartet, repariert und wieder in Schuss gebracht. Als junger Bursche zuerst die Lehre zum Automechaniker absolviert, dann auf Anhieb die Meisterprüfung bestanden. In Pottendorf in Niederösterreich nur mit Unterstützung seines Schwagers, meinem Schwiegervater, ein Haus gebaut. 68 Jahre war er mit Tante Mitzi verheiratet. Es ist noch nicht lange her, dass sie ein besonders Fest, die Steinerne Hochzeit, aufgrund der Pandemie nur im engsten Kreis mit Tochter und Schwiegersohn, feiern durften.

Tante Mitzi war schon längere Zeit auf den Rollstuhl angewiesen, wurde von ihrem um zwei Jahre jüngeren Ehemann umsorgt und gepflegt. Bis er körperlich an seine Grenzen stieß und einen schweren Entschluss fasste. Der 87-Jährige schrieb das Haus zum Verkauf aus und bezog gemeinsam mit seiner Mitzi im Vorjahr eine kleine, behagliche Wohnung im Seniorenheim in Niederösterreich.

Sie hatten sich bald eingelebt. Viele Handgriffe, die Onkel Herbert noch vor kurzem im Eigenheim ohne fremde Hilfe tätigen musste, wurden nun von Fachkräften erledigt. Das Ehepaar schwärmte von den guten Mahlzeiten und schloss neue Bekanntschaften. Bis sie das Virus ereilte, vor dem sie sich leider nicht mehr rechtzeitig durch eine Impfung schützen konnten.

Die an Demenz erkrankte Tante Mitzi streifte das Virus nur leicht, während es Onkel Herberts Lungen zum Kollabieren brachte. Die Nacht im Wilhelminenspital in Wien sollte seine letzte auf Erden werden.

Die Türen der Bestattungshalle am Wiener Friedhof sind weit geöffnet, denn die Aerosole sollen sich rasch wieder verflüchtigen. Ein Begräbnis mit nur wenigen Teilnehmern, denn die älteren Verwandten und die Ehefrau, die selbst noch krank ist und sich in Quarantäne befindet, bleiben fern. Hauptsächlich scharen sich Nichten und Neffen und ein paar Bekannte um das Grab, um noch ein letztes Mal vom Verstorbenen Abschied zu nehmen.

Onkel Herbert, danke, dass du uns stets mit Rat und Tat zur Seite gestanden bist, wenn unsere Klapperkisten, und das waren sie, als wir noch jung waren und uns nur gebrauchte fahrbare Untersätze leisten konnten, aufmuckten. Lustig war es, mit dir auf dem alljährlichen Krampuskränzchen des Pannennotrufdienstes ARBÖS das Tanzbein zu schwingen.

Wir werden dich nicht vergessen! Du bist in unseren Herzen.

Foto: Jan Huber. www.unsplash. com

© Silvia Peiker 2021-01-26

Von Tränen, Schmerz und VerzweiflungTrauer

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