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Vorahnungen

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Vorahnungen | story.one

Wieder zurück im Städtchen Grottaminarda, dessen rote Häuserdächer wie rote Pfefferkörner zwischen den dunkelgrünen Bäumen der Region Kampanien hervorblitzen. Evamaria berichtet mir fröhlich von ihrem Entenpärchen, die sie Bimmel und Bammel nennt. Auch die Katze hat drei Kätzchen das Leben geschenkt und zu ihrer Mira hat sich ein Welpe namens Jeromy gesellt. Selbst das Hasenpärchen erwartet Nachwuchs und meine liebe Exkollegin möchte endlich ins neu errichtete Haus einzuziehen. Denn mit so viel tierischem Neuzugang wird es eng im kleinen Zimmer, das sie bei Antonios Bruder bewohnen.

Ihr Verlobter hat eine Stelle bei einer Baufirma angenommen, am Abend und an den Wochenenden schuftet er noch zusätzlich auf der eigenen Baustelle. Evamaria stellt ernüchtert fest, dass das Märchen vom faulen Süditaliener erst geschrieben werden muss, denn gearbeitet wird immer, selbst am Sonntag, an den Feiertagen nach dem Gottesdienst und im Urlaub.

Das Geld ist knapp und endlich gelingt es, die Küche als Wohnraum zu adaptieren. Fließend Wasser gibt es keines, denn die Bohrung eines Brunnens hat selbst in 74 m Tiefe kein Tröpfchen Wasser hervorgezaubert. Doch wie ein Wunder sickert einige Tage später das kostbare Nass selbstständig aus dem Boden. Nun fehlt noch das nötige Kleingeld, um eine Leitung zu verlegen.

Evamaria ist ständig müde, denn die Arbeit auf dem Feld, das Bewässern, Unkraut Jäten und Einbringen der Ernte fordert ihren Tribut. Und die Tomaten, Paprika, Gurken, Melanzani und Melonen müssen ja auch noch am Markt verkauft werden.

Evamaria hat Moped fahren gelernt, und in der Fremde ist es möglich, den Führerschein, quasi il „patente“, gegen ein paar Scheine ohne Prüfung einzutauschen.

Schon im nächsten Brief erfahre ich von Evamarias Unfall, von der harten Landung im Straßengraben. Zum Glück ist nichts gebrochen, aber die Abschürfungen und Prellungen erschweren die harte Arbeit in der Landwirtschaft zusehends. Meine arme Exkollegin plagt das Heimweh, spontan lädt sie ihre betagte Mutter und ihren Bruder im Herbst ein, sie in Grotta zu besuchen.

Die vertrauten Menschen aus der Heimat lassen Evamarias Herz einerseits vor Freude hüpfen, andererseits macht sie deren Abschied noch schwermütiger. Sie ist ein feinfühliger Mensch und spürt, dass etwas nicht stimmig ist.

Aus Evamarias nächsten, traurigen Zeilen entnehme ich, dass ihre Mutter an Brustkrebs erkrankt ist. Leider ist sie für eine Operation schon zu betagt, deshalb muss sie sich einer Chemotherapie unterziehen. Ihre Tochter kehrt kurz vor Weihnachten nach Wien zurück, um der Kranken beizustehen. Ich sende ihr Geld für die Bahnfahrt, mein Weihnachtsgeschenk. Denn vom jüngeren Bruder, der Alkoholiker ist und schon lange keinem geregelten Job mehr nachgehen kann, kann sie sich keine Unterstützung erhoffen.

Ich sorge mich um Evamarias Gesundheit und bete, dass ihr krankes Herz trotz Stress und Kummer keinen Schaden davonträgt.

Foto: Josh Kahan

© Silvia Peiker 2021-05-22

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