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#theaterluft

Was ihr wollt

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Was ihr wollt | story.one

Ein Schiff versinkt im Ozean. Die hĂŒbsche Viola wird gerettet, verkleidet sich als Mann und wird zum Mittelpunkt in einer komischen Groteske, die sich wie ein Derwisch in einem Strudel um Liebe, Selbstfindung und GeschlechteridentitĂ€t dreht. Auf den Brettern der Kammerspiele wird Shakespeares turbulente Komödie vom antiken Illyrien zeitkritisch in die Gegenwart teleportiert.

Der an Land gespĂŒlte KapitĂ€n des Wracks ist nun Schlepper von FlĂŒchtlingen und dealt zusĂ€tzlich mit Drogen. Die weiblichen Rollen werden, historisch en vogue der Renaissance, von MĂ€nnern dargestellt. Und diese geizen nicht mit ihren Reizen. Die Schauspieler zeigen reichlich Haut in sexy Strapsen und stöckeln gekonnt in hochhackigen Schuhen Ă  la Conchita Wurst durch die Farce. FĂŒr einen kurzen Augenblick wĂ€hne ich mich im Cage aux Folles, aber das kann nicht sein, denn dieses StĂŒck wird zurzeit in der Volksoper aufgefĂŒhrt. Zwei VorpremierengĂ€ste hinter uns verlassen indigniert nach den ersten zehn Minuten den Theatersaal, nach der Pause bleiben auch die beiden PlĂ€tze vor mir leer. Die moderne Inszenierung trifft wohl nicht jedermanns Geschmack.

Eindrucksvolles Bindeglied zwischen den einzelnen Szenenbildern ist die stimmgewaltige Doyenne des Theaters, Maria Bill, die schon in ihrer Rolle als Spatz von Paris ihr Publikum ĂŒberzeugen konnte. Einer ihrer bekanntesten Songs "I mecht so gean land'n" geistert als Endlosschleife in meinem Kopf herum, wird aber rasch im StĂŒck von Bills souverĂ€n intonierten Tangosongs abgelöst. Als einzige Frau in der AuffĂŒhrung verleiht sie einmal dem Narren, dann wieder dem tragikomischen Bajazzo ihre unverwechselbare Stimme.

Die Farbe Gelb wird im Verwirrspiel um die Fragen: Was oder wer wollen wir eigentlich sein? wie schon zu Lebzeiten des englischen Dramatikers mit Esprit in Szene gesetzt. Sie wird ihrer zugesprochenen Bedeutung im Sinne von Optimismus und Heiterkeit, aber auch einer geistigen TĂ€tigkeit, der keine Grenzen gesetzt werden, spielerisch gerecht.

Das von MĂ€nnern dominierte Ensemble besticht nicht nur durch Wortwitz und shakespeareske Zoten, sondern auch durch seine sportlichen Leistungen, vor allem, wenn die Protagonisten Claudius von Stolzmann, Julian Valerian Rehrl, Dominic Oley und der witzige Martin Niedermair mit halsbrecherischer Geschwindigkeit ĂŒber die BĂŒhne laufen bzw. in actionreichen Auseinandersetzungen ihre Agility unter Beweis stellen.

Vertraute Erinnerungen an Laurel und Hardy werden nicht nur durch die KostĂŒme von Robert Joseph Bartl und Matthias Franz Stein, sondern auch durch deren Charaktere mit ihrem linkischen Gebaren wach.

Die Komödie weckt FrĂŒhlingsgefĂŒhle, eine Leidenschaft, die nach dem langen Winter in uns schlummert und nun an die OberflĂ€che drĂ€ngt, in Einklang mit dem knalligen Farbton der Forsythien oder den sonnengelben BlĂŒten des Rasps, der schon auf den Feldern blĂŒht.

Herzlichen Dank an Luis Quintero fĂŒrs perfekte Gelb.

© Silvia Peiker 2022-04-14

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