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#1sommer1buch

Gestrandet am Karlsplatz

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Gestrandet am Karlsplatz | story.one

Um auf Gutenbergs Spuren zu wandeln, wollten meine junge Kollegin Lisa und ich mit den Schulkindern der ersten und dritten Klasse im Zoom Kindermuseum alles rund um Druckerpresse, Magenta und Drucklettern erkunden. Dieses Mal musste ich nicht Martins imaginĂ€re Delfinmutter mimen, da seine leibliche Mutter zugesagt hatte, die beiden Gruppen mit Martins zweieinhalbjĂ€hrigem Bruder beim Ausflug zu begleiten. Da wusste ich noch nicht, dass die in Wien lebende Frau scheinbar noch nie mit dem Silberpfeil in die Innenstadt gedĂŒst war.

Beim Einsteigen in die U 1 mussten wir uns aufgrund der großen Kinderzahl in den voll besetzten Wagons aufteilen. Da Martins Mutter den kleinen Justin in einem sehr großen, sperrigen Sportkinderwagen herumkutschierte, hatte sie ihre liebe Not damit, ein Abteil zu finden, das ausreichend Platz fĂŒr das vierrĂ€drige UngetĂŒm und die anderen Passagiere bot. Wie in einem Bienenstock ebbte das aufgeregte Stimmengewirr der Schulkinder auf und ab, und im Nu hatten wir auch schon den Karlsplatz erreicht, wo wir umsteigen mussten.

Schnell in Zweierreihen aufstellen – Kinder durchzĂ€hlen, und flugs ging’s zur Rolltreppe, die uns zum höherem Niveau der U 2, die in den ehemaligen Tunneln der Zweierlinie ihre monotonen Runden fĂ€hrt, befördern sollte. Die schmale Treppe war fĂŒr so einen monströsen Kinderwagen jedoch zu eng und Martins Mutter musste uns mit dem Aufzug folgen. Ein Buggy wĂ€re wahrlich die bessere Wahl gewesen, um das Wiener U-Bahn-Netz zu erkunden.

Als wir den Perron erreicht hatten, war von Martins Mutter und seinem Geschwisterchen keine Spur zu entdecken. War sie etwa mit dem Aufzug stecken geblieben? Wir warteten und warteten, aber nachdem wir schon einem Zug hinterher gewunken hatten, mussten wir die nĂ€chste herannahende Garnitur erwischen, da es galt, einen Zeitplan einzuhalten. Die verloren gegangene Mutter versicherte mir am Handy, sie wĂŒrde so bald wie möglich nachkommen.

Wir hatten schon eine FĂŒhrung hinter uns und die kleinen Greenhorns waren gerade dabei, Zeitungen und Wanted Posters wie im Wilden Westen zu drucken, als sich Martins Mutter mit reichlich VerspĂ€tung im Zoom Museum einfand. Sie hatte auf dem Weg zum Lift offensichtlich die Orientierung verloren und war am falschen Bahnsteig gelandet. Nach dieser Odyssee durfte sie sogar ausnahmsweise mit dem großen Kinderwagen durch die ehemaligen kaiserlichen Stallungen rollen.

Zum absoluten Renner entpuppten sich eine Schreibmaschine mit chinesischen Schriftzeichen und natĂŒrlich die alte Druckerpresse. GlĂŒcklicherweise trugen alle geborgte, weiße Arbeitskittel, die unsere Kleidung vor der stark fĂ€rbenden und nur mit einer Fleckenschere entfernbaren Druckertinte schĂŒtzten.

Beim RĂŒckweg in die Schule ĂŒbergab ich Martin dann in die Obhut seiner Mutter und hoffte, dass sie den Heimweg durch die unendlichen Weiten des U-Bahn-Netzes finden wĂŒrde. Vielleicht wĂ€re Arianes roter Faden hilfreich gewesen?

© Silvia Peiker 2020-09-29

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