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Wuschl

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Wuschl | story.one

Guck einmal in die Tasche!“ forderte mich mein Vater auf, als er von der Arbeit heimkehrte. Als neugieriger Dreikäsehoch bedurfte es keiner weiteren Ermunterung, schon hatte ich den Zippverschluss der ledernen Arbeitstasche aufgezogen. Zwei große, ängstliche Augen, umgeben von wuscheligem schwarzbraunem Fell blickten mir aus der dunklen Öffnung entgegen. Ein Kätzchen, ich konnte mein Glück kaum fassen, hatte die weite Reise vom burgenländischen Bauernhof zu uns ins östliche Niederösterreich unternommen.

Wir nannten das kleine, recht wilde Fellknäuel Wuschl, denn die kurzhaarige Mutter des Jungtiers musste sich offensichtlich mit einem langhaarigen Kater gepaart haben. Mein neues Haustier und ich genossen es beide sehr, wenn ich sein langes, seidiges Fellhaar streichelte, was mir sein zufriedenes Schnurren nur bestätigte.

Nun hatten meine Cousine Petra und ich einen weiteren Spielkameraden, und solange der Felltiger noch in den Kinderschuhen steckte, konnten wir ihn im Puppenwagen herumkutschieren oder Papier zu einem Fächer falten, den wir an einen Wollfaden banden. Mit diesem selbstgebastelten, raschelnden Katzenspielzeug liefen wir dann durch den von Weinblättern und Weintrauben umrankten Tunnel mitten im Garten, den unser Großvater vor langer Zeit mit Rebstöcken bepflanzt hatte. Wuschl war uns stets dicht auf den Fersen, bemüht, oft siegreich, uns das Spielzeug zu entreißen.

Wuschl war eine Katzendame und es dauerte nicht lange, bis sie um die Leibesmitte immer runder wurde und bis zu dreimal im Jahr Kätzchen warf. Da es manchmal zwischen acht bis zehn Katzenbabies waren, die plötzlich den alten Wäschekorb füllten, suchte meine Mutter schließlich Rat beim Tierarzt. Der verschrieb der Katze die Pille, was ein schwieriges Unterfangen darstellte. Denn schlucken wollte Wuschl die Hormone auch nicht, wenn wir es ihr unters Futter mischten. Sie schlug sich ja als hervorragende Jägerin oft mit ihrem eigenen Fang den Bauch voll.

Da unsere Katzendame augenscheinlich bei den männlichen Vertretern ihrer Spezies sehr beliebt und die Katzenpille ziemlich nutzlos war, musste Wuschl sterilisiert werden. Das war zu dieser Zeit noch unüblich, denn die meisten Fellnasen waren meist richtige Freigänger und auch die Jungkatzen durften nicht ins Haus.

Doch vor dem großen Eingriff sollte unsere flauschige Lady noch einmal Mutter werden, und ich durfte dieses Mal das Wunder der Geburt staunend miterleben. Vorsorglich hatte ich den Weidenkorb schon mit alten Leintüchern ausgelegt und in ein ruhiges Zimmer gestellt, in das sich die trächtige Katze bald zurückzog. Ich litt mit meiner tapferen Wuschl mit, als sie einen nackten, blinden Winzling nach dem anderen herauspresste.

Von den sieben Kätzchen, die auf gute Plätze vergeben werden konnten, durfte Wuschl eine Weiße mit schwarzen Flecken behalten. Und es dauerte nicht lange, bis die beiden gemeinsam durch die Nachbargärten zogen.

Foto: Antonio Toma

© Silvia Peiker 2021-01-28

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