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#humor#schwarzerhumor#alltag

Nackt

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Nackt | story.one

Es ist früh am Morgen und ich erwache von einem leisen Knall. Es klang wie eine Tür. Eine Tür, die ins Schloss fällt. Ist jemand gekommen? Das wäre seltsam, denn ich wohne allein. Ich öffne die Augen und sehe mich um. Brauche einen Moment, um mein vom Schlaf vernebeltes Hirn wachzurütteln und meinen Blick zu schärfen. Langsam klärt sich das verschwommene Bild vor meinen Augen und ich stelle fest: Ich stehe in einem Hausflur. Meinem Hausflur. Das Geräusch, das mich geweckt hat, war offenbar die Wohnungstür, die hinter mir ins Schloss gefallen ist. Ich sehe an mir herab. Oha. Ich trage dasselbe Outfit, indem ich gestern ins Bett gegangen bin. Mein Evakostüm. Sprich: gar nichts. Bei über 30 Grad in meiner Wohnung kein Wunder, dennoch sollte ich wirklich anfangen, nicht mehr nackt zu schlafen.

Ich schüttle den Kopf, der leicht brummt und versuche nachzudenken. Was ist gestern passiert? Und warum stehe ich nackt im Hausflur? Ich versuche, meine Gedanken zu sammeln und nicht in Panik zu geraten. Da ich im Dachgeschoss wohne, muss ich lediglich meinen Nachbar aus der Wohnung gegenüber fürchten, sonst hat hier oben niemand etwas zu suchen. Das ist gut. Dummerweise weiß ich nicht wohin, der einzige Weg führt durchs Treppenhaus. Das ist schlecht. Ich inspiziere die Wohnungstür, rüttle am Knauf. Jap, eindeutig zu. Ich klopfe verzweifelt an die Tür, aber wer soll mir schon öffnen? Meine Katzen sicher nicht. Ich sehe mich um. Vor mir der Schuhschrank, was optimal ist, da ich nicht nur keine Kleidung, sondern auch keine Schuhe trage. Clevere Menschen hätten sicher einen Ersatzschlüssel im Schuhschrank versteckt, aber nicht ich. Als neurotischer Sicherheitsfreak war mir das Risiko zu groß, jemand könnte ihn finden und einbrechen. Die Überraschung, wenn ich nach einem langen Arbeitstag nach Hause komme und plötzlich ein Fremder in meiner Küche sitzt, wollte ich mir ersparen.

Ich überlege. Ich habe kein Handy, keinen Autoschlüssel, keinen Wohnungsschlüssel und keine Klamotten. Dafür bin ich müde, verwirrt und muss pinkeln. Gute Kombi. Plötzlich, ein heller Lichtstrahl in meinem Hirn. Ein Geistesblitz. Ich habe gestern gewaschen und auf dem Dachboden hängen die Klamotten zum Trocknen. Ich finde ein Kleid und freue mich über die grenzenlosen neuen Möglichkeiten, die mir das Tragen von Kleidung eröffnet. Ich beschließe, bei der Omi im 2.Stock zu klingeln und sie zu bitten, mich zu meiner Chefin zu fahren, die einen Ersatzschlüssel hat. Nicht optimal, aber so steigen die Chancen erheblich, dass ich in meine Wohnung komme. Zum Glück ist der Mann meiner Chefin daheim, händigt mir den Schlüssel aus und ich kann eine Viertelstunde später in meine Wohnung. Amen. Als ich mein Schlafzimmer betrete, liegt jemand in meinem Bett. Ich erschrecke. Nach genauerem Hinsehen stellt sich heraus, es ist meine Freundin Anna. Offensichtlich waren wir gestern etwas trinken und sie hat bei mir geschlafen. Ich hätte einfach nur Sturmklingeln müssen. Toll.

© Sophie Jones 2021-08-10

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