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#entscheidung#zeitlos#fortsetzung

Rückwarts leben (Teil 2)

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Rückwarts leben (Teil 2) | story.one

Er ging rückwärts die Straße entlang und rückwärts die Treppe hoch, hinein in seine Wohnung. Er zog sich aus, trocknete seinen Körper ab, der immer nasser wurde, sprang unter die Dusche, Tränen liefen seine Wangen hoch. Als er das Wasser abstellte, war er komplett trocken und schlurfte ins Bett.

Schlafen ist seitdem er rückwärts lebt das seltsamste: Wenn er sich mit offenen Augen im Hellen hinlegt und sie schließt, schläft er sofort ein, wenn er im Dunkeln aufwacht, lässt er die Augen dennoch geschlossen und wartet, wartet bis er sie wieder öffnet und aufsteht. Träumen tut er seitdem nicht mehr. Der Schlaf ist ein großes Nichts ohne Chronologie.

Der Sonne ist keine Veränderung anzumerken, sie geht einfach weiter auf und unter. Aus Donnerstag wird Mittwoch, aus Mittwoch wird Dienstag. Und anscheinend ewig so weiter. Abschiede werden zu Ankünften und andersherum. So läuft er ihr den Rücken zugewandt in die Vergangenheit. Der Nebel, welcher ihn lange umgab, ist verschwunden und das Ziel, der Anfang, ist nicht mehr weit entfernt.

Der schicksalhafte Moment, an welchem er im wahrsten Sinne des Wortes eine zweite Chance erhalten wird, rückt in greifbare Nähe. Er erkennt die Gefühle, die er schon einmal gefühlt hat. Auch die Straße erkennt er wieder. Noch kann er sie nicht sehen, weil er sich damals nicht mehr zu ihr umgedreht hatte, als er ging. Nun läuft er rückwärts auf sie zu, ihre von den Tränen angeschwollenen Augen, welche er gleich gezwungen war wiederzusehen, bereits im Gedächtnis.

Plötzlich kamen ihm Zweifel.

Sollte er die Reise wirklich an diesem Punkt abbrechen oder nicht viel lieber noch weiter zurück in die Vergangenheit gehen? Alles was er sich die vergangenen unendlichen Tage und Monate gewünscht hatte, könnte in wenigen Sekunden wahr werden. Wahr werden, wenn er ihr für den Rest ihrer gemeinsamen Zeit seinen Fehler verheimlichen würde. Könnten sie glücklich sein, wenn er dieses Geheimnis und die damit verbundene Schuld mit sich tragen müsste? Er war nur noch wenige Schritte von ihr entfernt. Oder sollte er zurück bis zu der Nacht reisen, an welchem er diesen unverzeihlichen Fehler überhaupt erst begangen hat? Wenn er dies tat, konnte er sein Handeln ungeschehen machen und somit sein Gewissen reinwaschen. Und dann, ohne Reue und schlechtes Gewissen, wieder vorwärtsgehen. Den Fehler, der ihn glauben ließ, eine Trennung wäre richtig, nie begangen habend. Nur noch einige Schritte.

Er hat die Chance alles richtigzumachen, einen Makel auszulöschen, auch wenn dies seine moderne Odyssee, seine persönliche Irrfahrt und Heimkehr weiter hinauszögern würde, oder einfach nur die Trennung ungeschehen zu machen, sie unwissend und glücklich an seiner Seite zu haben, wohl wissend, denselben Fehler nie wieder zu begehen. Doch würde das reichen? Er wusste es nicht.

Ein letzter Schritt. Er dreht sich zu ihr um. Das Gespräch von damals endete. Jetzt war es der Anfang. “tug se hcaM”, sagte er zum Abschied. Er wusste es nicht.

© SuFa 2021-02-26

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