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Mein bester Milchreis

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Mein bester Milchreis | story.one

Gestern Nachmittag verspürte einen ich ungeheuren Gusto auf Milchreis, ich konnte sogar förmlich den Geschmack davon in meinen Mund wahrnehmen. Also beschloss ich die nötigen Zutaten zu besorgen.

Beim Billa angekommen beginne ich mich gerade zu maskieren und will das Geschäft betreten, als eine junge Dame mit Mundschutz und Handschuhen bewaffnet mir einen Einkaufswagen zuschiebt. Ich bedanke mich und sage, dass ich den Wagen nicht brauche, da ich ja meinen Einkaufskorb mithabe.

„Nein, das ist eine neue Vorschrift.“

„Den Korb darf ich aber schon hineinstellen?“

„Das dürfen Sie.“

Nun gut, dann mache ich eben heute meine Einkäufe mit Wagen. Auch recht. Ich klappere die Regale ab und gebe Äpfel, Vollmilch, natives Kokosöl, Milchreis und Zimt, natürlich alles in Bioqualität, in meinen Korb. Ein Blick auf meinen Einkaufszettel verrät mir, dass ich keine Rosinen mehr zuhause habe, daher gehe ich nochmals zurück zum Regal für Backwaren.

Eine Mitarbeiterin steht ganz oben auf einer Leiter und sortiert indessen neue Ware nach, während ich das letzte Päckchen Rosinen aus dem untersten Fach an mich nehme. Da schreit sie zu mir runter, dass ich gefälligst den Sicherheitsanstand einhalten soll. Ganz perplex springe ich zur Seite und gebe ein „Entschuldigung“ von mir. Sie steigt von der Leiter hinab und ermahnt mich erneut, dass die Vorschriften einzuhalten sind.

Ich entferne mich schnell von ihr und bin ehrlich gesagt stinksauer. Seit zwei Jahrzehnten arbeite ich im medizinischen Bereich und werde plötzlich wie ein menschliches Hygienerisiko dargestellt. Wenn man mich freundlich auf etwas hinweist, habe ich absolut kein Problem damit, aber unfreundlich und schreien geht genau gar nicht. Zumindest an der Kassa werde ich freundlich abgefertigt.

Als ich schließlich am Vorbereiten meines Schlemmermahls bin, läutet das Telefon und meine beste Freundin ist dran. Nachdem sie erst selbst letzte Woche eine Erfahrung ähnlich der meinen machte, stellen wir beide fest, dass manchen Corona aufs Gemüt zu schlagen scheint.

Während mein Milchreis dahindünstet bekomme ich einen Videocall von einem Freund aus den USA, dem ich selbstverständlich auch von dem Erlebnis erzähle. Er meint, dass viele Mitarbeiter Angst haben, gestresst sind und deswegen überreagieren. Gut möglich.

Ich sage zu ihm, dass ich das nächste Mal vielleicht sarkastisch kontere, dass das Corona-Virus bevorzugt Menschen befällt, die aufgrund ihrer negativen Gemütsstimmung ihr Immunsystem geschwächt haben. Er lacht über meinen tief sitzenden Ärger und rät mir, doch einfach das nächste Mal zurückzulächeln und es damit gut sein zu lassen. Ja, er hat wahrscheinlich Recht.

Endlich ist mein Milchreis auf der Gmundner Keramik angerichtet und verströmt seinen herrlichen Duft von Äpfeln, Rosinen und Zimt. Der erste Bissen landet in meinem Gaumen und lässt mich alle Ärgernisse auf der Stelle vergessen.

Das ist eindeutig der beste Milchreis, den ich je gegessen habe!

© Sylvia Eugenie Huber 2020-04-15

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