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#ungerechtigkeit#alltag#aktuell

Chapeau, Bertolt!

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Chapeau, Bertolt! | story.one

Gestatten Sie mir ein persönliches Urteil; was sich da ergibt vor meinen Augen mutet doch höchst seltsam an. Denn da tummeln sich aufgeregt Scharen von Menschen zum Fuß eines himmelhohen Elfenbeinturms, von dessen Spitze die säuberlichen Salongänger leichthin herabspucken, höchstens dann und wann einen Knochen fallen lassen, an dem noch einige Fetzen sehnigen Fleisches hängen.

„Hört“, ruft dann eine der mickrigen Gestalten mit heiserer Stimme zur Turmspitze empor, „Wären wir nicht arm, wärt ihr nicht reich!“

Von weit oben herab schallt es markerschütternd zurück nach unten: „Das mag ja sein, doch wären wir nicht reich, dann wärt ihr noch ärmer. Wer sonst besäße denn die Güte, sich um euch zu kümmern?“

„Aber“, erwidert dann die Gestalt am Boden, „Betrachtete man die Dinge mit unverschleiertem Blick, so gelangte man unweigerlich zu der Erkenntnis, dass jene Säulen, die die schwere Last eures prunkvollen Daseins zu tragen gezwungen sind, dieselben sind, an welche ihr eure Hunde strunzen lasst.“

Und darauf folgte nichts mehr, außer eine dichte, fiebrig heiße Stille.

Wie kommt es, dass der Himmel erst in Scherben liegen muss, bevor wir erkennen, dass er hierzulande blauer und klarer ist als anderswo? Und wen schicken wir dann, die Bruchstücke aufzufegen und sie eilig wieder zusammenzufügen?

Wer pflegt uns, wenn wir einmal alt sind, und wer stellt ins Regal, was wir uns tagtäglich kaufen? Wer nimmt sich der sozial Benachteiligten an und wer sorgt dafür, dass wir nicht in dem von uns verursachten Unrat versinken? Wer wirkt da hinter zugezogenen Vorhängen, sodass unsere größten Sorgen aus den Rechnungen unserer Mobilfunkanbieter oder dem abendlichen Fernsehprogramm bestehen?

Wer? Wer? Wer?

Auf euch, die ihr euch täglich die Hände schmutzig macht, möchte ich mein Loblied singen. Auf euch, die sich Tag um Tag mit solch unermüdlicher Tatkraft abplagen, damit wir Nacht um Nacht zur Ruhe kommen können. Auf euch, die die Scherben vom Boden auflesen und sie erneut zusammensetzen.

Denn euer Werk hält diese Welt in ihren Angeln.

© Thomas Eichinger 2021-04-22

CORONA-Jugend ... N O lost generation!

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