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#umweltschutz#naturwunder#umweltverschmutzung

Der Irrtum

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Der Irrtum | story.one

Ich liege auf dem Waldboden, leer und zerquetscht. Einst war ich erfüllt von Energie. Nun zieht mein ganzes Leben an mir vorbei. Es begann ebenfalls in einem Wald, jedoch in einem tropischen. Dieser Regenwald existiert heute nicht mehr – er wurde abgeholzt, um mich zu erschaffen. Natürlich nicht nur mich allein, aber mich und meinesgleichen.

Aluminium nennen die Menschen das Material, aus dem ich kreiert wurde. Und der Werkstoff, den sie dafür benötigen, ist ein rotes Gestein namens Bauxit. Das meiste Bauxit dieser Erde findet sich in tropischen Paradiesen rund um den Äquator. Um an das Bauxit heranzukommen, braucht der Mensch schwere Maschinen, die die Bäume im Regenwald fällen und alles zerstören, was vorher wilder, schöner Dschungel war. In großen Fabriken wird aus dem roten Gestein mit sehr viel Hitze, hohem Druck und Natronlauge weiße Tonerde herausgelöst. Diese weiße Tonerde ist es, die die Menschen wollen. Die rote, schlammige Brühe, die danach übrigbleibt, die wollen die Menschen nicht. Denn der Rotschlamm ist voller Gift.

Weil die Menschen oft nicht wissen, wohin mit der giftigen Brühe, kippen sie diese in den nächsten Fluss. Und vergiften damit alles, was mit diesem Wasser in Berührung kommt. Aber das kümmert die Menschen nicht, die mich erschufen.

Wenn die weiße Tonerde aus dem roten Gestein herausgelöst wurde, bleibt ein Pulver übrig, das die Menschen Alumina nennen. Dieses wird in weit entfernte Länder gebracht und in verschiedenen Fabriken weiter verarbeitet. In einer dieser Fabriken wurde ich erschaffen – und all meine Brüder und Schwestern. Tausende und Abertausende silbrig glänzende Dosen, wunderschön und – wie wir dachten – extrem wertvoll, wenn man so viel Natur für uns geopfert hat.

Als man uns endlich mit einem Trank befüllt hatte, glaubte ich fest, dass es sich um einen Zaubertrank handelte, denn er versprach den Menschen Energie. Doch vielleicht hat der Zauber nicht funktioniert. Der Mensch, der mich kaufte, stieg in sein Auto und fuhr los. Kurz darauf riss er meinen Verschluss lieblos auf, stürzte den Trank in mehreren hastigen Schlucken hinunter, rülpste, zerquetschte meine kostbare Aluminiumhaut – und warf mich in hohem Bogen aus dem Autofenster!

Und da liege ich nun – in einem kleinen Waldstück nahe der Fahrbahn. Der Autoverkehr rauscht an mir vorbei. Hin und wieder bekomme ich Gesellschaft, denn auch manche meiner Brüder und Schwestern werden so achtlos wie ich in den Wald geworfen. Und wir alle fragen uns, ob das schon alles gewesen sein kann …

Manchmal unterhalten wir uns flüsternd miteinander. Wir alle hoffen, als etwas Nützliches wiedergeboren zu werden. Ich träume: Eines Tages kommt ein Menschenkind, das uns alle sanft aufhebt und aus dem Wald herausholt. Dann werden wir an einen Ort gebracht, wo wir ein neues Leben beginnen können. Diesmal vielleicht als medizinisches Gerät – dann hätten all die Opfer, die für uns erbracht wurden, endlich einen Sinn …

© Traude Rostrose 2021-05-06

Klima- und Umweltschutz

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