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#innigkeit#mutterundtochter#glücksgefühle

Glück

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Glück | story.one

Glück kommt in kleinen Momenten. Unaufgeregt. Unmittelbar. An manchen Tagen.

Du warst bei mir. Stunden, die wir bewusst verbracht haben. Ohne Programm. Einfach nur Zeit miteinander. Essen, trinken, reden, lachen. Ich liebe Zeiten “ohne Programm”! Wenn ich mir keine Gedanken über den Tagesablauf machen muss, mich einfach treiben lassen kann. Es gibt wenige Menschen in meinem Leben, mit denen das geht. Die keine Angst haben irgendetwas zu verpassen. Oder sich bemüssigt fühlen dieses und jenes jetzt unbedingt tun zu müssen, - selbst wenn sie nicht wirklich Lust dazu haben.

Um es mit Loriot zu sagen: Ich will einfach nur hier sitzen.

Mit dir geht das gut. Ist einfach. Mit deinen 88 Jahren bist du körperlich nicht mehr so beweglich wie in jungen Jahren. Eigentlich logisch. Nur dir selbst fällt es schwer das zu akzeptieren. Umtriebig wärst du gerne immer noch! Seit geraumer Zeit bist du jedoch ziemlich eingeschränkt. Bewegst dich langsam, unsicher und nur noch sehr wackelig vorwärts.

Aber geistig bist du noch top! Das ist ein wahres Geschenk. Was gäbe ich darum, wenn es bei mir auch mal so wäre! Bis dahin hoffe ich einfach auf die Weitergabe deiner diesbezüglich guten Gene. Genieße unsere zahlreichen Gespräche über früher. Neue Perspektiven auf längst Vergangenes oder Aktuelles.

Bei mir darfst du nichts tun. Du musst dich bedienen lassen und das ist auch gut so. Dein ganzes Leben hast du dich immer um die anderen gekümmert, gepflegt und gesorgt. Immer geschaut, dass es allen gut geht. Jeder genug zu essen hat und glücklich ist.

Liebe geht bei dir bis heute durch den Magen. Essen spielt und spielte immer eine zentrale Rolle. Jetzt musst du dich verwöhnen lassen. Seit einigen Jahren hast du große Magenprobleme. Kannst nicht viel essen. In Gesellschaft isst du aber immer. Da geht es dir wie mir. Alleine ist essen reine Nahrungsaufnahme. Du trinkst kaum Alkohol. Hast immer schon gesund gelebt.

Als du bei mir warst, bist du nach dem Essen gleich aufs Sofa, warst erschöpft. Hast dich in die Decke eingemummelt und nur dein Köpfchen hat noch rausgelurt. Hast ein bissl gedöst. So schön friedlich hast du ausgesehen. Ich liebe diesen Anblick! Nach deinem langen und arbeitsreichen Leben sehe ich dich immer gerne entspannt. Ich lass dich einfach. Auch wenn ich manches was du tust, nicht verstehe. Auch, wenn ich einige Geschichten schon sehr, sehr oft gehört habe. Egal. Ich muss nicht alles verstehen. Und es ist dein Leben.

Ich spüre, dass ich dir jetzt was zurückgeben kann und das macht mich glücklich. Du hast mich die vergangenen Jahre auf eine ganz neue Art überrascht. Ich habe dich vermutlich sehr lange unterschätzt. Du kannst ein richtiger Schelm sein. Du hast mich aber auch hart an meine Grenzen gebracht.

Nun fühlt es sich stimmig an. Wir haben uns richtig gefunden. Vielleicht habe ich dich erst seit Papis Tod richtig kennengelernt.

Glücklich, so spricht das kleine Mädel nun - wie die Mitfünfzigerin - ewig Kind und Tochter: Ich hab dich lieb!

© Ursula Jocham 2021-04-08

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