skip to main content

#tanzen#neubeginn#loslassen

Feuertanz (11)

  • 42
Feuertanz (11) | story.one

Ich rufe alle Kräfte des Himmels und der Erde zur Heilung auf. Möge sich nun offenbaren, was ich all die Jahre erfolgreich verdrängt, ignoriert oder überspielt hatte. Ich kann nicht mein Leben lang von meinem Schatten davonlaufen. Früher oder später holt er mich ohnehin ein.

Im beleuchteten Turm, mit Blick auf die roten Dächer und den blauen Himmel, fand ich eine Heilstätte. Meine Lieblingsstadt und die Natur rundherum verwandelten sich in einen Kurort. Ich versprach mir, solange im Exil zu bleiben, wie es notwendig sein würde. Hier konnte ich mich ungestört der Integration meiner Schattenseiten widmen. Hier konnte ich heilen.

Körper, Geist und Seele nähren, mit Freunden kochen und essen, uns vorlesen, umarmen, lachen. Ruhen. Durch Meditation den gierigen Willen beruhigen und immer tiefer in die Stille tauchen. Fragen stellen, die Antworten kommen ganz von allein. Ich fand sie in jedem Buch, das mir in die Hände fiel. Wenn die Schuld durch die Hintertür kroch, wiegte ich mich mit bedruckten Seiten in Vergebung; auf leeren pumpte ich mir die Scham aus dem Magen ­– mit diesen Worten speie ich radikale Selbstehrlichkeit in die Welt hinaus.

Musik atmete ich wie Sauerstoff. Ich begann, wie verrückt zu tanzen, manchmal bis spät in die Nacht. Mobilisierte meinen Körper, damit er die Emotionsfuhr ausleiten konnte. Dynamische Bewegungen lockerten bereits die ersten Spannungen. Die Wut kam in wuchtigen Stößen. All die Jahre hat sie mich zusammengezogen, nun tanze ich und sing sie mir vom Leib.

Immer hab ich mich angepasst an eure Erwartungen und Bedürfnisse! Für euch hab ich mich verbogen, kein Wunder, dass ich so schief gewachsen bin! Hab mir euren verdammten Schmerz aufgeladen, weil ihr zu feige wart, ihn zu spüren! Weil ich dachte, ich müsste sie aus Liebe für euch tragen. Wie lang schlepp ich schon eure Last mit mir herum? Ich will deine Bürde nicht mehr, kümmer dich selbst drum! –

Kkrrkk. Meine Wirbel knacksen, als würden sie brechen. Vor geraumer Zeit schlang sich die Schlange in meinem Rücken in den Lenden nach links und in der Brust nach rechts. Schmerzhafte Sssskoliose. Doch ich vergebe ihr, sie wollte mich nur zu den Menschen hinwenden, die ich liebe. Die Angst vor dem Verlust hat sie erstarrt. Aber nun ist es an der Zeit, die Arme aufzuwecken und wieder gerade zu biegen –

Kkrrk. Jetzt lass ich alles los, was deins ist, alles los, was meins ist. Ich nehme alle Entscheidungen, die mich ersticken und erkalten, wieder zurück! Verbrauchtes geb ich auf und vertrau darauf, dass alles, was noch übrigbleibt, genügt –

Ich häute mich bis unter die Knochen. Illusionen gehen Tanz für Tanz in Flammen auf. Als Kind habe ich mir Täuschungen, Zwänge und Abhängigkeiten wie Schutzmäntel übergestreift, und wer sie bedrohte, erinnerte mich an den Schmerz, den ich darunter verborgen hielt. Doch dieser brennt jetzt lichterloh. Aus der Asche werde ich als neuer Mensch wieder auferstehen.

Der Zyklus der Reife beginnt in den Flammen des Phönix.

© Viola Winkler 2021-07-22

Kommentare

Gehöre zu den Ersten, die die Geschichte kommentieren

Jede*r Autor*in freut sich über Feedback! Registriere dich kostenlos,
um einen Kommentar zu hinterlassen.