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… und der Himmel war nicht mehr blau

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… und der Himmel war nicht mehr blau | story.one

Der 24. Februar war der Tag, an dem der Krieg für mich aus dem Nichts heraus begann.

Meine Mutter kam in mein Zimmer und sagte nur: Valeria! In Kiew hat eine Bombe eingeschlagen und ein Gebäude zerstört!

Dazu muss man wissen, ich lebe eigentlich in der modernen Millionenstadt Kiew und war erst wenige Tage zuvor zu meinen Eltern nach Tschernihiw gefahren. Unsere Wohnung in Tschernihiw ist für mich der beste Ort der Welt, voller schöner Erinnerungen und Emotionen. Ich habe dort alle Höhen und Tiefen meiner Kindheit erlebt. Es ist eine Wohnung mit hohen Räumen und großen Fenstern und ich liebe es, wenn der Holzboden knarrt, wenn ich mein Zimmer betrete.

Ganz besonders mag ich es, wenn ich in die Küche komme und meine Mutter gerade am Kochen ist – dann ist es so richtig gemütlich. Diese Wohnung versetzt mich in meine Kindheit zurück. Ich bin die Jüngste in der Familie und das heißt, ich werde für alle immer das kleine Mädchen bleiben.

Es war seltsam, als mich meine Mutter am 24. Februar aufweckte und das Erste, das ich nun wissen wollte, war, welches Gebäude denn bombardiert worden war. Also schaltete ich mein Handy ein, um schnell zu checken, ob meine Freund:innen in unserer Gruppe schon etwas dazu geschrieben hatten. Wir sind alle auf Telegram, dort tauschen wir uns aus und besprechen ALLES.

Alle meinten, der Krieg habe begonnen. Meine Freundin Aksinia hatte an diesem Tag versucht, zu ihrem Freund in die Tschechische Republik zu gelangen. Als sie am Flughafen ankam, war dieser schon geschlossen – auf der Startbahn waren bereits Landminen verstreut. Sie erzählte, dass alle fluchtartig aus dem Flughafen gestürmt seien, weil sie Angst bekamen und in Panik gerieten. Sie war die erste Person, die ich kannte, die den Krieg gesehen und live erlebt hatte. Es ist furchtbar, wenn man Bomben hört. Man hört sie, aber man kann nichts dagegen tun – man ist nur noch ein Spielzeug.

Es war der 24. Februar, als Putin einmarschiert ist. Der Himmel war grau.

Und nur Minuten später begannen die Explosionen in Kiew. Ich bin dann schnell raus, um zu sehen, was auf den Straßen los ist. War ich denn naiv, zu glauben, dass mich Normalität erwarten würde?

Überall gab es schon lange Schlangen, die Leute standen bei Geldautomaten an. Und was machte mein Vater, als der Krieg begann? Er ging raus und kaufte als Erstes Benzin.

Ich habe ukrainische Soldaten so lange gefilmt, bis sie mich aufforderten, die Videos und Fotos sofort zu löschen. Ich hatte ohnehin nur mit dem Handy gefilmt, weil ich meine teure Kamera nicht riskieren wollte, die brauchte ich ja für meine Arbeit.

Und trotz allem dachte ich noch immer nicht, dass es Krieg geben würde, dass der Krieg tatsächlich anfangen würde. Alle sprachen da­rüber, wann er losgehen würde. Ich hatte einen Freund, der schon in den Osten geflohen war, der sagte, dass er eines Tages beginnen würde.

Aber es schien noch so, als ob alle noch immer nur über den Kriegsbeginn reden würden, aber es niemand wirklich glauben konnte – oder wollte.

© Valeria Shashenok 2022-05-13

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